Kerstin Steinbach
Zur Psychopathologie des modernen Alltagslebens –
Teil 3: Die Genitalrasur
System ubw – Zeitschrift für klassische Psychoanalyse
23. Jahrgang, Heft 1, Oktober 2005
AHRIMAN-Verlag, Freiburg
ISBN-13: 978-3-89484-708-1
ISBN-10: 3-89484-708-5
ISSN 0724-7923
Abstract:
Der Aufsatz untersucht die seit etwa 15 Jahren insbesondere bei Jugendlichen mit zunehmender Tendenz zu beobachtende Praxis der Selbstrasur des Genitales, welche von Jugendjournalen auffällige Förderung und Anleitung erfährt, die ihre Normalität und sogar vorgebliche (sexuelle) Freiheitlichkeit suggerieren. Zunächst werden sowohl gesellschaftliche als auch wesentliche, von den Erkenntnissen der Biologie nahe gelegte Aspekte dieser »Mode« diskutiert: die Beseitigung der sekundären Geschlechtsmerkmale stellt eine optische Infantilisierung dar, entledigt sich der/die Rasierende damit doch eines markanten, evolutionär selektierten sexuellen Reifemerkmals rsp. Schlüsselreizes. Die auf Befragen angegebenen Begründungen für das inzwischen massenhaft auftretende Verhalten werden exemplarisch besprochen und deren Rationalisierungscharakter vorgeführt, was die Frage nach den verborgenen, unbewußten Motiven zwingend aufwirft. Die Selbstrasur des Genitales kann auf der Grundlage der Freud´schen Erkenntnisse und der Untersuchungen Theodor Reiks zu den »Pubertätsriten der Wilden« als selbstaggressive, dem Ödipus- bzw. Kastrationskomplex entspringende Handlung aufgedeckt werden, wobei die eigenen, als bedroht wahrgenommenen sexuellen Wünsche durch die Rasur im Wortsinne abgeschnitten werden. Die Strafe für die verbotenen Wünsche wird also selbst symbolisch im Überich-Auftrag vollzogen, was eine gewisse subjektive Beruhigung vor weiterer Intervention von dieser Seite nach sich zieht und entsprechend ambivalente Empfindens- und Verhaltensweisen bedingt. Die Genitalrasur entspricht in milder Form der vom psychischen Gehalt her kastrationsäquivalenten Beschneidung. Dem befürchteten, antiödipalen Präventivschlag wird mit der Selbstrasur zum einen zuvor gekommen und zugleich – und entscheidend! – der drohend-autoritären Gewalt, welche im Kern den Verzicht auf die sexuelle Selbstbestimmung fordert, Folge geleistet. Das untersuchte Phänomen ist damit Ausdruck eines zunehmenden Identitätsverlustes zugunsten von Gehorsamsbereitschaft, also einer im Durchschnitt gestiegenen, bezeichnenderweise gesellschaftlich geförderten Ichschwäche.
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