Auf CD und DVD erhältlich
Fritz Erik Hoevels' Lesung aus seinem Vorwort zu
»30 Jahre Ketzer« im historischen Kaufhaus, Freiburg
DVD, 105 min.
EUR 15,- / sFr 22,-
ISBN-13: 978-3-89484-060-0
ISBN-10: 3-89484-060-9
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30 Jahre Ketzer
Herausgegeben und kommentiert von Fritz Erik Hoevels
Über den Autor
720 S., Großformat (A4), im Schuber, 57 Abb., 76 Faks.
mit Namens-, Orts- und Sachregister
EUR 32,- / sFr 58,-
ISBN-13: 978-3-89484-809-5
ISBN-10: 3-89484-809-X
Erschienen 1998
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Der interessanteste Bohrkern aus den Sedimenten der Studentenbewegung bis ins traurige
Alluvium der pax americana: Über 200 Analysen, Stellungnahmen und Flugblätter
der MRI - Bunte Liste Freiburg - Bund gegen Anpassung (1967 - 1997)
Dieser einzigartige Band ist der verborgene rote Leitfaden durch die jüngste Geschichte.
Von der Studentenbewegung bis heute wird von der weltweit vermutlich einzigen Radikalopposition
in der Tradition Marx' und Lenins ebenso wie Freuds und Reichs Stellung bezogen zu allen wesentlichen Ereignissen und Streitpunkten.
Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis:
Vorwort · Das Elend der Psychoanalyse · Anti-Popper oder: Die Austreibung der Kritik aus der Wissenschaft · Aufstand der Frauen im SDS (Feminismus) · Massenneurose Religion · Kirchenaustritt · Paragraph 218 · Nacktbaden · Frauenrolle - Männerrolle · Rocklänge und Brusttabu · Berufsverbote · Heuchler Brandt · Türkischer Faschismus · Die Rolle von Sozialdemokratie und Kirche in der portugiesischen Konterrevolution · Filbingers Liebe zur Freiheit · Zur Psychologie der Folter · Die SPD gedenkt der Sozialistengesetze · Mit Gott und den Faschisten · Die Frage nach dem Sinn des Lebens · Der »Verfassungsschutz« und seine politischen Helfer · Bahro ist frei - P. P. Zahl sitzt noch immer! · Dialektischer Materialismus · BZ von A bis Z - Wie eine Nachricht entsteht! · Wie alternativ sind die Grünen? · Wojtyla fällt in der BRD ein · Die Grünen, Strauß und die Krise der Linken · Was ist in Persien los? · Verstümmelung auf Krankenschein · Warum die AMERIKA-WOCHE? · Was ist Faschismus? · Verfolgung der Sinti und Roma - eine deutsche Tradition? · Rassismus in Südafrika · In eigener Sache II: Wer wir wirklich sind und was wir wollen · Friedensbewegt und doch in Treue fest · Der NATO-Doppelbeschluß und die SPD · Pol Pot · Nicaragua · Grenada · Die Linke und das Waldsterben · Genbastelei - ein Privileg Gottes? · Libyen · Auch bei der größten Schweinerei: Alice Schwarzer ist dabei! · Holocaust · Jenningers Rücktritt - Sieg der Heuchler! · Der Fall Rushdie und die Feigheit des Westens · Tian-an-men-Massaker · Das Kopftuch und die weltliche Schule · Bhagwan - ein Nachruf · Bismarck hui, Hussein pfui! · Kein Herz für Scheiche - Kein Blut für Öl! · Tierversuche - ein Menschenrecht! · Zum Mahmoody-Film · Offener Brief an alle, die sich überlegen, die »Republikaner« zu wählen · Der Prozeß gegen Karl Kielhorn und Gerhard Bögelein - oder: Die Offenkundigkeit der Rechtsnachfolge · Zur Hetzkampagne gegen Sinéad O'Connor · Die Umtriebe des Leihzaren Boris oder: Freier Westen helau! · Seehofers »Enthüllungen«: Drama oder Komödie? · Berufsverbote für Republikaner: Willys Wiederkehr · Jugoslawien: Wie Hitler den Krieg gewann · Hitlers zweimal getötete Opfer · Verhüllungszwang und Feminismus · Wie der Erfolg im Schulkreuz-Streit zustande kam · Wer ist die »herrschende Klasse«? und vieles, vieles mehr.
Auszug aus dem Vorwort von Fritz Erik Hoevels
Die sogenannte Studentenbewegung entstand zu einer Zeit, die ganz unmittelbar der
allerelendesten, muffigsten, erstickendsten folgte, welche die Welt mutmaßlich je gesehen hat,
abgesehen vielleicht von der Restaurationsepoche nach der Niederlage Napoleons. Sie wurde fast
ausschließlich von Menschen getragen, die im lähmend-würgenden Gestank
dieser sogenannten Adenauer-de-Gaulle-Ära aufgewachsen waren.
Es hat zweifellos viele Perioden der Menschheitsgeschichte gegeben, in denen
auffälliges Blutvergießen und ausgesuchte Grausamkeiten, katastrophale materielle
Mangelerscheinungen, sensationelle Massenhinrichtungen oder sensationelles Massenelend den
oberflächlichen Betrachter zu der Ansicht verleiten können, das durchschnittliche
Leben und Empfinden der Bewohner jener Epochen - man kann Räume wie Zeiten
bewohnen, besonders zwangsweise - sei niedergedrückter, niederdrückender gewesen
als dasjenige der genannten - Blut vergossen diese neuinstallierten »Staatschefs« von
Uncle Sams Gnaden, die ersten europäischen seit den Religionskriegen, deren Staaten,
»dank« Hitlers Zerstörungswerk, ihre Souveränität faktisch verloren
hatten und zu US-Protektoraten heruntergekommen waren, ja fast gar nicht, so wenig sie
andererseits als klassische Demokraten im Sinne der Antike oder der Französischen
Revolution gelten konnten -, aber nicht in Litern unschuldig vergossenen Blutes oder in Kilogramm
unterernährungsbedingten Untergewichts mißt sich normalerweise die Stimmung der
Menschen. Noch mitten in den gröbsten, augenfälligsten materiellen Nöten kann
die Hoffnung entstehen, die Idee, da »durchzumüssen« zu einer besseren und
gesicherten Zukunft, da es möglich sein könnte, mit den - menschlichen -
Verursachern von Unrecht und Mangel auch eben diese beiden loswerden zu können;
wäre es den europäischen Völkern einschließlich, das ist als
anti-nationalborniertes Gegengewicht unverzichtbar, des deutschen gelungen, Hitler und seine
freiwillige Gefolgschaft aus eigener Kraft loszuwerden, so hätte sich
dieser ersehnte, von den Besten auch unter Einsatz ihres Lebens ersehnte, Zustand sehr weitgehend
auch wirklich eingestellt, hätte die Hoffnung nicht getrogen. (Um
Mißverständnisse zu vermeiden: unter Gegnern Hitlers verstehe ich nur diejenigen, die
gegen ihn waren, weil sie alles oder das Wesentliche von dem haßten, was er
verkörperte, nicht deutschnationale Opportunisten, die vom Obrigkeitsstaat per Putsch zu
retten suchten, was zu retten schien, als die militärische Lage und Hitlers Starrsinn diesen
Obrigkeitsstaat in den Abgrund zu reißen, also etwa das angedeutete Ziel der genuinen
Hitlergegner in Reichweite zu rücken drohte, und die heute in einem häßlichen
Mythos als »die Schnellmerker des 20. Juli« gefeiert werden, die Namen echter
Märtyrer im Kampf gegen das Hitlersystem aus dem Straßenbild obszön
verdrängend.)
Aber das eben gelang nicht; das Ende der Hitlerherrschaft wurde keine Befreiung, sondern
nur eine militärische Niederlage. Die wenigen überlebenden Hitlergegner wurden von
den siegreichen Militärmächten am Reden und oft auch eine ganze Weile lang an der
Rückkehr gehindert, bestenfalls im Gefügigkeits- oder Eignungsfall als Galionsfiguren
der zweiten Reihe aufgebaut; mit den wenigen, aber unter manchmal beträchtlichen Opfern
entstandenen Arbeiter- und Soldatenräten, denen es bisweilen gelungen war, die lokalen
Statthalter Hitlers zu stürzen und eine begrenzte, aber in ihrem Bezirk echte, weil
konkurrenzlose Macht zu übernehmen, wurde von den einrückenden siegreichen
Truppen nicht verhandelt; Hitlers Gegner waren zu schwach geworden, um sein verhaßtes
System abzulösen, und die Macht übernahmen statt dessen die Vertreter oder
einheimischen Marionetten siegreicher Mächte, Mächte, deren Verhältnis zur
Hitlerei, vornehm gesagt, immer wertneutral gewesen war und, vorher wie nachher, d.h. vor dem
wie während des Krieges, ausschließlich militärisch-psychologischem,
kriegsverlaufsbedingtem Kalkül folgte. Sie wurden Europas neue Vormünder; war es
auch den Faschismus, an seinen Rändern trotz allem und immer noch allerwilligst geduldet,
ja gestützt, in seinem Kernbereich los, befreit war es nicht. -
Aber das durften die neuen europäischen Regierungen, besonders die deutschen, nie
und nimmer zugeben; beider jeweilige Vormünder hießen amtlich
»Verbündete«, und die Existenz der jeweiligen »großen
Brüder« beider Seiten rechtfertigte die fürsorgliche Besatzung der eigenen (wie
man inzwischen ihre einseitige Fortdauer entschuldigt, habe ich nie richtig herausbekommen). Die
DDR bzw. die restlichen »Ostblockstaaten« hatten ihre Sonderentwicklung und
können für unsere Ausführungen außer Betracht bleiben, da sie für
die »Studentenbewegung« bedeutungslos blieben; im westlichen Teil herrschte dagegen
rekordhafte Verlogenheit und stumpfer, geistfeindlicher Zwang, der trübste
Hoffnungslosigkeit verbreitete. Die Überlebenden der authentischen Opposition gegen Hitler
wurden, oft personalidentisch, von der gleichen Justiz gejagt, die sie schon unter Hitler selbst
gejagt hatte; die SPD z.B., eine der drei Lizenz- oder Kartellparteien von Uncle Sams Deutschland,
schloß einmal Mitglieder, die eine in den präsentierten Fakten von niemandem
bestrittene Wanderausstellung 'Ungesühnte Nazijustiz' veranstalten wollten, ganz offen mit
der Begründung aus, dies könne die Justiz bei ihren Kommunistenverfolgungen
einschüchtern ... braucht jemand, der sich diese gern verschwiegene Anekdote auf der
Hirnhaut zergehen läßt, noch viel Phantasie, um sich den »freiesten«, auf
jeden Fall aber amerikanischsten »Staat, den es je auf deutschem Boden gab« - freilich
titulierte er sich so erst später, als er seine eigene Verfassung gründlich gebrochen
hatte - atmosphärisch hervorragend genau vorzustellen? Einen Staat, der die
opportunistischsten 80, wenn nicht 90% der alten NSDAP in seinen Kartellparteien aufgesogen
hatte, von Anfang an Nazibeamte gegenüber demokratischen Newcomern unter dem Schutz
der neuen Besatzungsmacht privilegierte - diese wurden schnell wieder entlassen, wenn alte, d.h.
auf jeden Fall statistisch wesentlich eher nazigenehme Amtsinhaber Rechte anmeldeten,
während äußerlich und öffentlich wohltätige Weihrauchschwaden
die alten Hakenkreuze allmählich verhüllten -, einen Staat, der am besten durch seine
in den Sattel gehobene Spitze zu charakterisieren war: Dulles-Schützling und Superkatholik
Adenauer mit seiner rechten Hand Globke, dem als besonders radikalen Mitschöpfer der
Nürnberger Gesetze bewährten Nazijuristen ... - so sah es jedenfalls aus, und jeder
spürte, jeder wußte es.
Wie wirkte die solcherart entstehende Atmosphäre auf Kinder, die sie zwangsweise
einatmen mußten? - Wie die neuen Vormünder gewollt und geplant hatten, hatte der
breite Mantel der katholischen Kirche (und die Talare der endgültig zu ihrem Juniorpartner
abgerutschten EKD) die vielen Hakenkreuze zu decken, und unter ihm stank es
erwartungsgemäß entsetzlich. So wie das deutsche Kapital, das mit seinen
traditionellen Politagenturen nicht mehr leicht durchkam, Hitler an der Macht ein paar Freiheiten
für spezifische Marotten lassen mußte - die dann die vielzitierten zusätzlichen
sechs Millionen Unschuldiger mit dem Leben bezahlten -, so mußten die US-Amerikaner,
wenn sie den in seiner nationalen Loyalität auf die neuen Herren umgepolten, aber in seiner
antikommunistisch-antiaufklärerischen Zielsetzung unveränderten Nazistaat unter
katholischem bzw. überhaupt klerikalem Deckmantel wieder restaurieren und ansonsten an
ihrer Leine laufen lassen wollten, dem dafür unverzichtbaren Klerus etliche
Sonderwünsche erfüllen und Extravaganzen gestatten, nicht anders, wenn auch
diesmal ohne Blutvergießen, als Hitler selbst seinen kroatisch-vatikanischen
Schützlingen etliche für seinen Krieg eher ein bißchen dysfunktionale
Eigenmächtigkeiten und spezifische Tollheiten hatte konzedieren müssen; und die
ließen nicht lange auf sich warten, das Volk einschließlich der Kinder hatte die Suppe
auszulöffeln, in welche der Klerus seine schwarzen Extrawürstchen hineingeschissen
hatte: Kuppeleiparagraph (als das wohl widerlichste von allen), Homosexualitätsverbot,
schärfste antisexuelle Filmzensur, Gotteslästerungsparagraph, Klerikalisierung der
Kindergärten und Sozialeinrichtungen und sackweise weitere Kirchen-Privilegien, die in der
Welt wohl ziemlich einmalig dastehen. Für den Rest der westeuropäischen Staaten, die
ja jetzt alle unter die vielleicht weniger krasse, aber unbestreitbare Vormundschaft der USA geraten
waren, vor allem Frankreich, galt gedämpft, aber in der Tendenz unverkennbar das gleiche.
Doch mit der teilmittelalterlichen Gesetzesgrundlage, die sich noch wesentlich genauer darstellen
ließe, ist noch nicht alles beschrieben, obwohl es vorstellbar wird.
Denn wie man das übelriechende Produkt als unwissendes, unkundiges kindliches
Opfer erlebt, darüber sagt die bloß juristisch-historische Beschreibung und Analyse
noch nicht alles. Dieses Gebräu aus kleinkariertester,
hämischer Selbstgerechtigkeit, alles durchstinkender Säuerlichkeit, bestialisierter und
erniedrigter, in anaerobe Heimlichkeit gestopfter Sexualität, wie sie sich heute in den
radikalislamischen Staaten wieder oder noch als gutes Anschauungsobjekt präsentieren kann,
muß man erlebt haben, um das schwarzweiße oder besser: grau-graue
Lebensgefühl dieser mutmaßlich drückendsten, ausweglosesten Periode
mindestens der Neuzeit - mit der Ausnahme der französischen Restaurationsperiode
vielleicht, wie ich schon einräumte - nachvollziehen zu können; ein Gebräu, das
aus der beschriebenen Gesetzeslage wie dem faktischen Besatzungsstatus, der einen Aufstand
gegen die aufgenötigte Regierung hoffnungslos erscheinen ließ, ganz organisch
hervorquoll, denn das Schlechte im Menschen und besonders im Familienvater oder gar der
Hausfrau wird unwiderstehlich gestärkt, wenn es staatlich gefördert wird. Dieses
besagte Gebräu bekam den wenigsten, die es schlucken mußten; die meisten sind daran
seelisch krepiert, verloren jede Persönlichkeit und authentische Erinnerung, wurden Zombies
i.S. der »Identifikation mit dem Aggressor« oder retteten ihre Persönlichkeit
gerade noch, aber um den Preis tiefer Depression und der steten Bereitschaft zu sterben.
Aus diesen Leuten, aus diesen wenigen seelisch schwer beschädigt, aber gerade noch
ohne echten Gehirnwäscheerfolg Überlebenden einer gefesselten,
würgend-ätzenden Kindheit, entstand die Studentenbewegung. Ich war einer davon,
damals etwa der Jüngste, der irgendeinen Namen hatte, aber zweifellos einer.
Deshalb ist es wohl nicht ganz unangebracht oder eitel, wenn ich über meinen
persönlichen Weg zum SDS, dem eigentlichen Träger der sog. Studentenbewegung, ein
paar Sätze verliere.
Meine Herkunft kann recht gut als »gehoben kleinbürgerlich« charakterisiert
werden, meine Familie als »mäßig aufgeklärt/rechtsliberal«, wobei die
Betonung auf »rechts« liegt. Was Hitler, wenn man mal ganz
ehrlich war, außer seiner unruhestifterischen und daher sogar katastrophenträchtigen
Art wirklich und grundernsthaft vorzuwerfen war, war eigentlich nur sein Antisemitismus;
daß in den KZs auch andere Menschen als Juden umgebracht worden waren, fand eine
emotional deutlich schwächere, wenn nicht, in einem bestimmten Fall, höchst
unterkühlte Ablehnung, um nicht zu sagen: wortlose Zustimmung. Denn Haßobjekt
Nr.1, mit einem so blanken und fanatischen Haß versehen, daß jeder rationale
Abwägungsversuch, schon abgesehen von den physischen Gefahren, die seine
Äußerung mit sich gebracht hätte, einem buchstäblich im Halse stecken
blieb, war die KPD. Hitler blieb natürlich Haßobjekt Nr.2, das schon, aber er hatte den
unzweifelhaften Vorteil, daß er tot und überstanden war, während die KPD,
wenngleich sehr dezimiert, noch existierte, und die Sowjetunion erst recht. Das soll nicht
heißen, daß die gegen sie gerichteten Vorwürfe samt und sonders aus der Luft
gegriffen gewesen wären - irgendwie blieb sie sehr unheimlich -
und daß man sie, ähnlich wie ihre Satellitenstaaten, nicht verlassen konnte, war ein
durchschlagender Beweis, daß viele dieses offensichtlich wollten -
wo ein Verbot ist, muß auch ein Wunsch bestehen, und dieser wird zweifellos einen Grund
haben; so weit kam ich als kindlicher bis halbkindlicher Zwangszuhörer auch ohne Freud.
Aber während die Vorwürfe gegen Hitler mühelos verständlich waren -
und außerdem sehr stark ausweitbar, wie ich bald herausfand - und sich sehr leicht aus
ihrem Inhalt erklärten, blieben diejenigen gegen die SU sehr viel rätselhafter, und man
spürte atmosphärisch, daß sie auch dann, wenn sie sachlich gerechtfertigt waren,
nicht wirklich und letztlich aus dem angegebenen Grund heraus erhoben worden waren, sondern
aus einem verborgenen, versteckten, irrationalen, wahrscheinlich unreinen, auf keinen Fall aber aus
bloßer Liebe zu Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Denn das heimliche, aber spürbare
politische Ideal der Familie, von ihren verschiedenen Mitgliedern mit unterschiedlicher
Intensität und Radikalität vertreten, aber von keinem - außer mir natürlich -
ernsthaft abgelehnt, war eine Art diskreter Polizeistaat, der spektakuläre
Blutrünstigkeiten und öffentliche Mobilisierungen nach aller Möglichkeit
vermeidet, aber mindestens erstere, unter Beachtung des Lärmverbots und der
Aufwandsminimalisierung, auch nicht scheut, wenn anders er seinen Zweck nicht erfüllen
kann, nämlich Angestellte und Kinder verläßlich ihren »Arbeitgebern«
und Eltern niederzuhalten und dafür möglichst wenig Steuern zu verbrauchen. (Wenn
der gleiche Zweck mit Wahlergebnissen zu erreichen war, sprach das keineswegs gegen, sondern
nur für das Verfahren - aber der höhere Zweck blieb, das war zu spüren, doch
der obengenannte.)
Ich schrieb oben: »außer mir natürlich«, und das klingt so, als
hätte ich als Kind schon politische Überlegungen gehabt oder gar Standpunkte
bezogen. Das wäre selbstverständlich falsch, weil unmöglich, und bewußt
habe ich - bis etwa in mein zwölftes Lebensjahr - den ganzen Scheiß auch so gut es
ging übernommen und leidlich geglaubt (nur daß ich in meiner tiefsten Seele gegen
Stalin einfach nicht den gleichen Haß wie gegen Hitler aufbringen konnte; die Reihenfolge
blieb umgekehrt, da ich Hitler durch Fragen und Bücher allmählich immer besser
kennen- und einschätzen lernte und alle Informationen über ihn sehr kongruent fand -
natürlich hätte ich das nicht so ausdrücken können, es blieb Gefühl,
aber das ist Nebensache -, während ich Stalin zwar immer noch, und sicher zu Recht,
schauerlich und abstoßend, aber dabei als immer rätselhafter, widersprüchlicher
und somit ungreifbarer erlebte. Denn vom Verrat der russischen Revolution konnte ich ja wirklich
nichts wissen - von wem auch?!). Aber ich spürte dunkel, daß zwischen diesen
politischen Präferenzen und strafloser Kindesmißhandlung ein innerer Zusammenhang
bestand, und deshalb kann ich sagen, daß, wenn wieder einmal die anzuhörenden
politischen Kommentare kamen, eine wortlose Opposition in mir erwachte, auch wenn ich
später, etwa mit elf, die unersättlich aggressive, erzreaktionäre FAZ, das
Familienblatt, zu lesen begann, weil ich mich dazu verpflichtet fühlte, und daranging, auf
der Basis einer Fetischisierung »freier Wahlen«, wie sie ja auch inzwischen von der
Schule souffliert worden war, eine Apologie des aggressiven Antikommunismus zu entwickeln.
Ganz wohl fühlte ich mich dabei aber nicht.
Man wird bei alledem bemerkt haben, daß für meine Familie das
Adenauerregime fast maßgeschneidert war, und wenn die katholische ebenso wie die
hitlerische Kröte, aus deren Laichschnüren wohl alle CDU-Quäppchen der Zeit
geschlüpft sind, die nicht direkt aus dem »Zentrums«-Tümpel stammten,
wenn sie nicht zum Stichtag schon das reife bis überreife Froschalter erreicht hatten, nicht
ganz leicht zu schlucken war, so hatte sie der fanatischere und gewaltbereitere Teil der
(Groß-)Familie doch ganz tapfer heruntergewürgt - der andere Teil blieb auf schwacher
Distanz im Sinne des konservativen Liberalismus - und hatte an besagter CDU-Herrschaft
höchstens eine gewisse von den Umständen erzwungene gemäßigte
Sozialstaatlichkeit auszusetzen, die aber mit der Notwendigkeit der »richtigen
Wahlergebnisse« voll gerechtfertigt wurde - »es können halt nicht alle FDP
wählen«. Denn zweitmeistgehaßter Gegenwartsstaat war durchaus nicht das
faschistische Spanien, o nein, sondern vielmehr das wohlfahrtsstaatliche und darum steuerintensive
Schweden. Der SPD wurden dementsprechend und unrealistisch wohlfahrtsstaatliche Absichten
unterstellt, was einen gewissen Haß mobilisierte, wenngleich ihre Lakaiennatur schon dann
und wann gerochen wurde, was sich in »gutmütigen« Witzen niederschlug. (Da
der Haß scharfe Augen hat, waren diese Bemerkungen schon hin
und wieder recht treffend.) Aber die volle, tobende Vernichtungswut blieb der KPD
reserviert.
Man kann davon ausgehen, daß wohl praktisch alle kleinbürgerlichen Familien
der Adenauerzeit, ob gehoben oder nicht, ziemlich ähnlich geartet waren, etliche ein
bißchen weniger verkrampft, andere noch ärger, aber alle durch die gleiche politische
Gefühlsstruktur, beschränkteste Selbstgefälligkeit und oft genug hämische,
staatlich abgesicherte Selbstgerechtigkeit verbunden. Aus ihnen aber kam die ganz
erdrückende Mehrheit der SDS-Aktivisten; mein Fall kann daher, individuelle Extras einmal
abgezogen, als durch und durch gewöhnlich und damit typisch gelten. Es wird
darüber hinaus auch aufgefallen sein, daß die typische systemkonforme
Kleinbürgersfamilie der Adenauerzeit, ein paar inzwischen durch Fernseh-Anathema zu
Archaismen degradierte Zeitbesonderheiten wie Sympathien für das Apartheid-Regime, bei
Ex-Nazi-Familien wohl noch Schlimmerem, einmal weggedacht, ganz hervorragend auf den Boden
der gegenwärtigen fdGO paßt und gar nichts so ungewöhnlich Exotisches und
ach so Verflossenes enthält. Die Schnittmengen beider Kreise sind wieder sehr groß
geworden, die veränderte Kleidung sollte nicht täuschen.
Was mich selber allerdings doch etwas untypisch macht, war mein ungewöhnlich freier
Zugang zu Informationen, aller sonstigen Unterdrückung zum Trotz. Die Familienbibliothek
war reichhaltig, und da ich schon aus Selbstschutzerwägungen ein sehr guter Schüler
geworden war, hatte ich allmählich ihre Verwaltung an mich bringen und daher auch die
Einkäufe besorgen können - mindestens bei Taschenbüchern hatte ich freie
Hand, so pünktlich ich ansonsten zu den Essenszeiten anzutreten und danach ohne triftigen
Grund das Haus nicht mehr zu verlassen hatte; nachweislich Kulturelles war allerdings immer ein
»triftiger Grund« - doch dreimal Wehe über den
»Spätheimkehrer«, der sein Schicksal schon in den sauersten aller Mienen lesen
konnte! Ich wurde bald klug genug, statt meine Energien in den sinnlosen Kämpfen vieler
Jugendlicher dieser Zeit um viertelstundenweise gnädigst verlängerte Ausgehzeiten zu
verpulvern und darin zugrunde zu gehen, meine Zeit statt dessen stur abzusitzen,
Liberalisierungsangebote, die allmählich, aber zu spät, zu absichtsvoll und zu kleinlich
zwecks Unterlaufung meiner Strategie einliefen, mit mürrischer Gleichgültigkeit zu
ignorieren, was natürlich auch nicht recht war, und statt dessen in seit spätestens
meinem vierzehnten Lebensjahr vollem und gänzlich berechtigtem
Bewußtsein, daß die beste Zeit meines Lebens bis zur
Haftentlassung - Haft mit begrenztem Freigängerstatus, aber eisern Haft - unersetzlich
verrann - und genau das tat sie auch -, statt dessen also ebenso eisern zu
lernen und die Zeit zur Erkenntnis zu nutzen.
Wie ich es von gewissen Häftlingen des Zarenreichs gelesen hatte, machte ich mir einen
sogenannten »Zeitplan«: zwischen Schule und Essenszeiten, wirklich gemachten oder
vorgetäuschten Hausaufgaben und Klavierübungen Lesen: ein Stück Literatur -
aus plötzlichem Entschluß war ich mit zwölf abrupt von Donald Duck und
Kinderbüchern auf 'Anna Karenina' umgestiegen und blieb von da an zäh auf dieser
Höhenlage der Weltliteratur, auch wenn ich zunächst wohl noch nicht alles verstand,
aber dies fleißig versuchte - dann eine Platte klassische Musik - schließlich etwas
Wissenschaftliches, wobei Natur und Gesellschaftliches jeder Art einigermaßen
gleichmäßig zu teilen waren. Ich hielt diese Lebensweise unverändert bis zu
meiner »Haftentlassung« durch.
Mit zwölf kam mir auch die Erkenntnis, daß in der Schule und dem Lexikon (aus
dem ich bis dahin alle meine Informationen ehrfurchtsvoll gezogen hatte: erst dem 'Großen
Meyer', dann dem vielbändigen neuangeschafften 'Brockhaus') genau die gleichen
Lügen und - das Wort kannte ich natürlich noch nicht -
Ideologeme verbreitet wurden, nur raffinierter und scheinbar sachlicher, auf höherer
Artikulationsstufe und mehr Neutralitätsheuchelei, wie in der Familie auch. (In einer
modernen Hetze fand ich vor wenigen Monaten »woran Sie erkennen, daß Ihr Kind in
die Fänge einer Sekte geraten ist«: neben dem Desinfizieren der Klobrille und der
Abneigung gegen Gutenachtküsse am eifrigen Gebrauch eines Lexikons! - Ich kann hier
eidesstattlich versichern, daß ich zur Entwicklung dieser offenbar schwer
staatsgefährdenden Laster keinerlei äußeren Anstoß benötigt und
auch nicht erhalten habe.) Ich weiß noch, wie ich in innerer Erregung über diese
Erkenntnis: »Überall bescheißen sie Dich - überall belügen sie Dich:
Eltern, Schule, Lexika!« den Wintergarten auf und ab schritt, wobei ich innerlich ausrief, aber
nur innerlich, daß ich jetzt die »Ego-Befreiungsfront« gegründet habe.
Woher ich diesen Ausdruck hatte, weiß ich nicht mehr zu sagen; gemeint war mit ihm,
daß ich mein Gehirn als von besagten fremden Mächten besetztes Gebiet betrachtete
und gesonnen war, es von ihnen zu säubern und sie hinauszuwerfen. (Wahrscheinlich haben
wirklich die tapferen Vietnamesen Pate gestanden, gegen die Stellung zu beziehen ich mich noch
innerlich abmühte, aber ich weiß es wirklich nicht mehr - vielleicht deshalb.)
Aber wie diesen Kampf führen? Was war vertrauenswürdig, von welchem Platz
aus konnte man beginnen?
. . . Es geht noch weiter!
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