Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Sozialpsychologie, in langen Experimentserien gewonnen
von US-amerikanischen Psychologen der späten fünfziger und frühen sechziger
Jahre - und Kind der praktischen Bedürfnisse des Kalten Krieges -, besagt, daß die
wirksamste Bekämpfung unerwünschter Meinungen und Einsichten darin besteht, sie
nicht etwa noch so geschickt argumentativ anzugreifen, sondern sie vielmehr möglichst
sachlich und sogar recht zutreffend von einer Person referieren zu lassen,
die als deren Gegner
bekannt ist. Mit der üblichen Verzögerung von etwa einer Dekade schlug sich diese
Erkenntnis auch praktisch in den Lehrplänen der Vasallenstaaten nieder, und so stellten
Lehrer, die nicht gerade als DKP-Mitglieder oder gar K-Grüppler bekannt waren (diese
waren ja auch sofort Säuberungen zum Opfer gefallen), manchmal gar nicht so falsch die
Lehre von Marx und Engels dar, und Pfaffen referierten halbrichtig die Erkenntnisse Freuds. Wer
kann sich aus seiner Schülerzeit nicht an dieses ca. seit 1965 beobachtbare Phänomen
erinnern?
Inzwischen gewinnt eine andere Gruppe ideologisch unerwünschter Erkenntnisse
Popularität - ein Stoff, von dem man meinen müßte, daß niemals ein
christlicher Berufspropagandist auf den Gedanken käme, ihn anders als polemisch zu
behandeln, entzieht er seiner Existenz doch die logische Grundlage - aber siehe da ... - : die
Herausschälung des historischen Kerns der christlichen Jesusfigur, ein Kern, der mit dieser
mythologischen Gestalt keine größere Ähnlichkeit oder innere Verbindung
aufweist, außer der Namensgleichheit und ein paar dogmatisch irrelevanten biographischen
Restbeständen, als etwa mit Krischna oder Zeus.
Diese Erkenntnisse sind ansatzweise schon recht alt, gehen teilweise auf das ja auch sonst so
vorbildliche 19. Jahrhundert zurück, sind aber erst in den letzten zwei Jahrzehnten
systematisch ausgearbeitet, gefestigt und vor allem verbreitet worden. Sie besagen
hauptsächlich, daß sich die christliche Jesusfigur aus einem durchaus realen, aber in
seinem Charakter gänzlich entgegengesetzten Kern entwickelt hat, nämlich aus einem
eher unbedeutenden, radikal-militanten Pharisäerführer namens Jeschu (oder
ähnlich) mit mehr oder weniger ernstgemeinten messianischen Ansprüchen. Dieser
Jeschu wurde in einer höchst einschneidenden Metamorphose zur Grundlage des mythischen
Jesus der Christen, welcher bekanntlich Pazifist, Internationalist und Anti-Pharisäer gewesen
sein soll, von seinen aus allen möglichen Mythologien kunterbunt zusammengeklauten
Wundertaten und metaphysischen Eigenschaften ganz zu schweigen, während der wirkliche
Jeschu ein höchst kriegerischer Römerfeind, Pharisäer und jüdischer
Nationalist gewesen ist, vielleicht persönlich ziemlich überspannt, aber niemals auf
eine übernatürliche Genealogie u.ä. erpicht und in jeder Hinsicht eher ein
verhinderter Bar Kosiba / Kochba oder etwas wie ein heutiger Hisbollah-Extremist als ein
pazifistischer Träumer oder sanftmütiger Internationalismus-Prediger.
Dies wesentlich klarer, konsequenter und geschlossener herausgearbeitet zu haben als jeder
»progressive« christliche Theologe der Gegenwart, der unterschiedlich viel davon inzwischen ja
auch schon zugibt und dafür dosierten Ärger mit seinem Bischof bekommt, aber kaum
je ein überzeugendes Gesamtbild und Zeitbild vorführen kann, ist das Verdienst des
Londoner Reform-Rabbiners und Altertumsgelehrten Hyam Maccoby. Seine besondere Stärke
liegt darin, Jesus nicht als isolierte Kultfigur zu betrachten, die es zu demontieren oder zu
verteidigen gilt, sondern auf dem Hintergrund seiner geschichtlichen Situation zu rekonstruieren -
und da gelingen ihm bei sorgfältiger, niemals einseitiger Nutzung des nun wahrlich
dürftigen und verzerrten Quellenmaterials überraschende Funde, die uns die
wahrscheinlich genaueste Annäherung an den historischen Kern der christlichen Mythen
erlauben, die überhaupt möglich ist. Sie widerspricht dem von diesen Mythen
gezeichneten Bild in verblüffender Weise.
Nur um diesen historischen Kern geht es Maccoby (dem es ansonsten auch noch, in einem
leider nur auf englisch vorliegenden Buch, gelungen ist, dem Geheimnis des verworrenen Mythos
von Kain und Abel auf die Spur zu kommen, der - ursprünglich und mehrheitlich ja
keineswegs judenfeindlich konzipierten - Sagenfigur des Ewigen Juden und manch anderem, vor
allem klassisch Biblischem, mehr). Der Frage nach hellenistischer Beeinflussung schon des
historischen Jesus, erst recht der Unzahl hellenistischer Legenden und Mythologeme, die in den
Evangelien über ihn wuchern, geht er höchstens am Rande nach; wer darüber
Bescheid wissen will, findet sorgfältige Untersuchungen dazu am ehesten in zwei ebenfalls
vorzüglichen Büchern Morton Smith' und Karlheinz Deschners
*).
Aber den historischen Kern des legendären Wustes erschließt Maccoby, soweit ich sehe, wie
kein anderer. Ebenso überzeugend gelingt ihm die Vorführung des
haarsträubend verlogenen Charakters der Evangelien; ihr durch skrupelloseste
Tatsachenverdrehung erzieltes Wesen als antijüdische - heute hieße es: antisemitische -
Tendenzschriften, das nahezu jeden ihrer Sätze durchzieht. Auch dieser Zug ist aus der
historischen Situation ableitbar.
Um diese schlagwortartig zu umreißen: nicht alle unterjochten und ausgeplünderten
Völker waren mit der »Pax Romana«, der neuen Weltordnung der mediterranen Antike,
sonderlich zufrieden. Unter ihnen stachen besonders zwei hervor, mit denen sich der antike
Anti-Imperialist identifizieren konnte: Griechen und Juden. Während die Griechen jeden
praktischen Kampf aufgegeben hatten, hörten sie dafür niemals auf, über »Zufall
oder Notwendigkeit« der römischen Weltherrschaft laut nachzudenken; sie waren die
unbestrittenen Führer des geistigen Widerstands, der theoretischen Selbstbehauptung gegen
Rom.
Dafür waren die Juden diejenigen der praktischen. Wann immer die geringste Chance
zum antiimperialistischen Widerstand gegeben war, schlugen sie zu; sie waren die unbestritten
heroischsten Freiheitskämpfer ihrer Zeit. Und so konnte sich der einfache Bewohner des
römischen Weltreichs, der unter dessen brutalen Ausbeutungspraktiken litt, immer wieder
einmal heimlich in diesen und jenen hineinphantasieren, sich bisweilen als heimlicher Grieche,
bisweilen als heimlicher Jude fühlen. Doch als »Grieche« mußte man lesen, als »Jude«
mußte man kämpfen; dafür waren die meisten nun doch zu faul oder zu feige.
Da legte das Christentum endlich das Ei des Kolumbus: wie man sich gleichzeitig als »Grieche«
und als »Jude« phantasieren, recht viel darauf einbilden konnte und dennoch weder denken noch
kämpfen mußte, weder einen klaren Kopf brauchte noch etwas Nennenswertes riskierte
(und doch, seiner Selbsteinschätzung nach, etwas ganz Besonderes war). Diese Konstellation
ist vielleicht der wichtigste Schlüssel zur raschen Ausbreitung und zum Massenerfolg des
Christentums. Doch war mit dieser Struktur notwendig eine haßvolle Abwendung von den
phantasierten Ausgangsmaterialien erforderlich: unter dem schrillen Haß auf die
Wissenschaft einerseits, die Juden andererseits tut es die frühe Kirche nicht. Und so gelang
es ihr endlich, von einer selbstbetrügerischen Phantasieopposition zum römischen
Weltreich zu dessen solidester und anerkanntester Stütze zu werden. Denn die Mischung aus
Denkverzicht und fakultativem Pazifismus sollte sich für Herrschafts- und
Unterdrückungszwecke zwar als recht teuer, aber dafür einzigartig brauchbar
herausstellen; und das blieb sie jahrhundertelang, in Wahrheit bis heute.
Maccoby hat uns gezeigt, »wie alles anfing«; wie antiimperialistische Militanz durch
opportunistischen Pazifismus, Kampf für die Freiheit der Juden vom römischen Joch
in bösartigste Judenfeindschaft umgefälscht wurde; wir erfahren von ihm, so weit es
bei der Quellenlage eben möglich ist, die historische Wahrheit, begreifen aber darüber
hinaus auch einiges von der historischen Dynamik. Und das ist wichtig für jeden, der Sand
statt Öl im finsteren Getriebe der Geschichte sein will.
Fritz Erik Hoevels
Fußnote:
*) Morton Smith, Jesus der Magier, List Verlag (aus dem Englischen:
Jesus the Magician, New York 1978);
Karlheinz Deschner, Der gefälschte Glaube, Knesebeck & Schuler, München 1988.
Einleitung
Als Jude hat man gewisse Vorteile, wenn man versucht, die Evangelien zu verstehen, besonders
wenn man in enger Berührung mit der jüdischen Liturgie, den Zeremonien des
jüdischen religiösen Jahres, der rabbinischen Literatur und der allgemeinen
jüdischen moralischen und kulturellen Auffassung erzogen worden ist. Viele Gesichtspunkte
der Evangelien, die vom Nichtjuden gelehrte Untersuchungen verlangen, sind dem Juden so
vertraut wie die Luft, die er atmet.
Als Jesus beim letzten Abendmahl Wein trank und Brot brach, tat er, was ein Jude jedesmal
tut, wenn er vor einem Fest- oder Sabbatmahl die Kidduschzeremonie vollzieht. Als Jesus sein
Gebet mit »Vater unser, der du bist im Himmel ...« begann, folgte er dem Beispiel
pharisäischer Gebete, die immer noch einen Teil des jüdischen täglichen
Gebetbuches bilden. Wenn er in Gleichnissen sprach und verblüffende Wendungen (wie
»Kamele verschlucken« und »der Balken in deinem Auge«) gebrauchte,
bediente er sich der Ausdrucksweisen, die jedem Studenten der talmudischen Schriften bekannt sind.
Gleichzeitig fallen einem Juden, der die Evangelien liest, auf den ersten Blick Partien auf, die
nicht glaubwürdig erscheinen, zum Beispiel die Berichte, daß die Pharisäer Jesus
töten wollten, weil er am Sabbat heilte. Die Pharisäer zählten das Heilen nie zu
ihrer Liste der am Sabbat verbotenen Tätigkeiten, und zu den Heilmethoden Jesu
gehörte keine Tätigkeit, die am Sabbat wirklich verboten war. Es ist deshalb
unwahrscheinlich, daß sie die Sabbatheilungen Jesu, und sei es auch nur geringfügig,
getadelt hätten. Außerdem widerspricht das in den Evangelien gezeichnete Bild von
blutdürstigen, mordgierigen Pharisäern allem, was durch Josephus, aus ihren eigenen
Schriften und vom heutigen Judentum, das sie begründet haben, über sie bekannt ist.
Wir haben also in den Evangelien einen Widerspruch zwischen Abschnitten, die
glaubwürdig erscheinen, und solchen, die unglaubwürdig sind. Für einen Juden,
der sich mit den Evangelien beschäftigt, ist der Widerspruch offenkundig, und er
möchte wissen, wie er entstand. Und die Kernfrage erweitert sich, wenn er die Religion
betrachtet, die auf den Evangelien beruht, nämlich das Christentum mit seiner eigenartigen
Mischung aus jüdischen, nichtjüdischen und antijüdischen Elementen.
Wie kommt es, daß eine Religion, die so viel vom Judentum entlehnt, während
des größeren Teils ihrer Geschichte die Juden als Parias und Ausgestoßene
betrachtet? In einer Kultur, die auf der hebräischen Bibel beruht, einer Kultur, deren Sprache
von hebräischen Ausdrücken durchdrungen ist, sind die Juden mit
ungewöhnlichem Haß behandelt worden, der schließlich in der
Massenvernichtung von sechs Millionen europäischer Juden im Zweiten Weltkrieg gipfelte.
Eine Studie über Jesus mit besonderem Gewicht auf seinem jüdischen
Hintergrund und der Annäherungsart, die bei einem Juden die gegebene ist, könnte
etwas Licht auf diese Fragen werfen, die für Juden und Nichtjuden gleichermaßen
wichtig sind.
Ich möchte mich George Frankl für die große Hilfe und die Anregungen,
die ich in langen Diskussionen mit ihm über die verschiedensten Themen gewonnen habe,
erkenntlich zeigen. Ich möchte meiner Frau Cynthia danken, ohne deren nicht nachlassende
Ermunterung, scharfe Kritik und ständige Hilfe das Buch weder begonnen noch beendet
worden wäre. Endlich gilt mein Dank auch Michael Chambers für viele sehr wertvolle
Vorschläge zur Anlage des Buches, die ich mir zu eigen gemacht habe.