Im Dezember 1995 sagte die renommierte Library of Congress in Washington zum
ersten Mal in ihrer Geschichte eine Ausstellung ab. Ihr Thema sollte Sigmund
Freud sein, doch nun sollten angebliche »Budgetprobleme« dieses
Vorhaben plötzlich vereitelt haben. Man mußte sich schon etwas mehr
bemühen, um herauszufinden, daß sich hinter dieser lapidaren
Zweizeilen-Meldung ein Fall unverfrorener Zensur verbarg. Im Vorfeld dieser
Ausstellung hatten 50 »prominente Freud-Gegner« mit
Unterstützung der Medien gegen die Ausstellung mobil gemacht und sogar
die Einladung der Aussteller »zur Mitarbeit« - was ja wohl heißt:
zur Verhunzung des Themas - ausgeschlagen. Diesmal mußte es Zensur sein;
die Zeit war offensichtlich dafür reif. Unter den Wortführern für
das Verbot tat sich ein Psychiater hervor, der der Psychoanalyse jede
Wissenschaftlichkeit absprach, ferner die amerikanische Oberfeministin Steinem,
die Freud für »schwer gestört« hielt, und ein sogenannter
Literaturwissenschaftler, der der Wissenschaft Freuds »sexuelle
Paranoia« attestierte. Dieses Bündnis aus Vertretern der
Psychologenkaste, Feministinnen und verbeamteten Lohndenkern verrichtete
damit eine Arbeit, die die Kirche mit ihrem Index librorum prohibitorum jetzt
noch nicht hätte leisten können. Es ist ein Zeichen für die
Dekadenz der Gegenwart - einen vergleichbaren globalen Niedergang kennt man
nur aus der römischen Spätantike, die als wesentlichstes
Fäulnisprodukt das Christentum hervorbrachte -, daß in
Staatsdiensten stehende Quassler und Hausfrauen darüber befinden
können, was Wissenschaft ist und was die Öffentlichkeit interessieren
darf. Nicht weniger bezeichnend ist, daß sich fast niemand gegen diese
Bevormundung zur Wehr setzte. Also wurde zensiert. Man fühlt sich an jene
Episode erinnert, als bei einem Kongreß der Psychiater im Jahre 1910 der
Geheime Medizinalrat Weygandt schon beim Wort »Psychoanalyse«
mit der Faust auf den Tisch schlug und schrie: »Dies ist kein
Diskussionsthema für eine wissenschaftliche Versammlung, dies ist Sache
der Polizei.« Auf anderen Kongressen dieser Zeit kam man zu dem Ergebnis,
Freuds Werk sei Pornographie und der einzige Ort für ihn und seine
Schüler sei das Gefängnis.
Tatsächlich sind die heutigen Verhältnisse viel schlimmer. So
bösartig die Angriffe der monarchistischen Ärzte auf die
Psychoanalyse auch waren, so hatten sie doch den einen Vorteil bekennender
Reaktionäre: Sie machten aus ihrer zweifellos finsteren Absicht kein Hehl,
besaßen als Personen Konturen. Jedermann wußte seinerzeit, daß
es hier um den Kampf zwischen Autoritätsgläubigkeit, Moral und
Irrationalismus auf der einen, Rationalität, Wissenschaftlichkeit und
Selbstbestimmung auf der anderen Seite ging. Freud selbst setzte die Tragweite
seiner Entdeckungen mit jenen von Kopernikus und Darwin gleich, und seine
Feinde und Anhänger teilten, ausgesprochen oder nicht, diese Ansicht. Es
ging, dies war allen Beteiligten klar, um die Auseinandersetzung zwischen
Wissenschaft und Religion, Erkenntnis contra Denkverbot, und entsprechend
stand das Argument gegen die Gewalt. Ebenso klar war, daß bei dieser
Auseinandersetzung nur eine Seite siegen konnte, kein Kompromiß denkbar
war. Es ging letztendlich um die Frage, ob der Mensch die Selbstbezeichnung
sapiens sapiens verdiente oder ob es bei seiner Schafsqualität
als Taufobjekt und Untertan blieb. Heute dagegen sind die Konturen verwischt.
Was gegen Freuds Wissenschaft ins Feld geführt wird, ist meist nicht
falsifizierbar. Oder anders ausgedrückt: Man kann einen Scheißhaufen
nicht an die Wand nageln. Daß der Begründer einer Wissenschaft
»schwer gestört« gewesen sein soll - dies immerhin aus dem
Mund einer gewesenen Schönheitskönigin, deren »Kritik«
repräsentativ für das Niveau der »Auseinandersetzung«
ist -, sagt nichts über den Wahrheitsgehalt der Psychoanalyse aus, soll es
auch nicht. Es ist, wie so häufig, eine (dann noch schäbige und
niederträchtige und unzutreffende) Aussage
ad personam, nicht
ad rem. Dieselbe Dame hätte sich wohl genauso dagegen
verwahrt, daß der Mensch vom Affen abstammt, weil sie doch - der Beweis -
Miss America oder sonstwas geworden ist, und welcher Schimpanse könnte
das je von sich behaupten ... Bespeiung und Argument sind nicht kompatibel, und
gegen Dummheit, sagt das Sprichwort, kämpfen selbst die Götter
vergebens.
Wer sich heute ernsthaft zur Psychoanalyse äußern will, muß,
um Mißverständnisse zu vermeiden, erst einmal darlegen, was sie
nicht ist: Sie ist keine Methode zum Geldscheffeln, hat nichts zu tun
mit dem Goldkronenlächeln einiger Raffzähne, die Stroh zu Devisen
spinnen, das heißt das Elend ihrer Patienten in fette Konten verwandeln. Sie
hat erst recht nicht das geringste zu tun mit allem, was sich Psychologe nennt;
wer Freuds Wissenschaft am zuverlässigsten meiden will, muß sich in
die Hände der »Internationalen Psychoanalytischen
Vereinigung« (IPsaV) und ihrer Untergliederungen begeben. Sie ist auch
nicht in erster Linie eine »Redekur« mit langer Behandlungsdauer
und ungewissem Ausgang; zwar wurden alle Erkenntnisse in der Patientenanalyse
gewonnen, doch läßt sich ihre Anwendung nicht darauf
beschränken. Die Deformation der Menschen zu
realitätsuntüchtigen, denkgehemmten, genußunfähigen
Subjekten, eben zu psychisch Kranken, hat ihre Wurzeln in der Gesellschaft,
genauer: in der Unterdrückung sexueller Wünsche des Kindes
primär in der Familie. Jede von Freud und seinen Schülern
mitgeteilte Fallanalyse bestätigt diesen Sachverhalt; hierin liegt die
Sprengkraft der Psychoanalyse sowie der Grund für ihre ebenso heftige wie
inkompetente Anfeindung verborgen. Schließlich hat die Psychoanalyse
nichts mit dem hochgestochenen Phrasenschwall von Lehrstuhlinhabern zu tun.
All dies sind Resultate eines Zersetzungsprozesses, die von der Psychoanalyse
nichts als die Worthülsen übriggelassen haben. Und da man so
schnell mit dem Vorwurf der »Voreingenommenheit« und
»Parteilichkeit« konfrontiert wird, schaute ich während der
Niederschrift dieses Vorworts in die Augustnummer der Zeitschrift 'Psychologie
heute'. Von Freud kein Wort, jedenfalls nichts Nennenswertes, dafür der
groß aufgemachte Artikel eines sächsischen Junginquisitors über
die »Sektengefahr« in Ostdeutschland. Ich legte das Blatt mit dem
angemessenen Ekel wieder aus der Hand, mit dem Bild vor Augen, wie die
»seelenzerfasernde Psychoanalyse« des »Juden Freud« ins
Feuer geworfen wurde. Dann fiel mir noch ein, daß der alte Freud, als die
Gestapo seine Tochter auf internationalen Druck hin freilassen mußte, in
Tränen ausgebrochen sein soll. Die Phantasien, wie mit diesem
Psychologenblatt und seinem Pfaffendreck zu verfahren sei, sollen hier nicht
weiter ausgeführt werden. Aber das Gefühl, beschmutzt worden zu
sein, wollte für den Rest des Tages nicht mehr weichen.
Was also ist die Psychoanalyse? Das erfährt man am besten in den Schriften
ihres Begründers, über den in den USA also keine Ausstellung
stattfinden darf. Nach mehr als einem halben Jahrhundert der Zersetzung und
Verunstaltung seiner Lehre ist jetzt offenkundig die Zeit angebrochen, wo man
Hand an die Originalwerke legen kann; sie sollen, nachdem man sie
gründlichst entstellt, verzerrt, der Lächerlichkeit preisgegeben und
zerquasselt hat, dem Vergessen anheimgegeben werden. Das ist der wichtigste
Unterschied zu den wilhelminischen Ärzten mit ihrem Furor teutonicus gegen
die Psychoanalyse, die vor diesem Hintergrund sich schon fast vorteilhaft abheben.
Bleiben wir aber noch einen Moment bei »God's own country«. Freud
stand diesem Land mit seinen »unbegrenzten Möglichkeiten« - es
ist wahr: nichts ist unmöglich, auch nicht die Unterdrückung einer
Freud-Ausstellung in diesem Hort der Freiheit - stets skeptisch und reserviert
gegenüber. In einem Gespräch bezeichnete er die Vereinigten Staaten
einmal als »gigantischen Irrtum« und zielte damit auf den Nimbus ab,
mit dem sich dieses Land bis heute gerne umgibt: der uneingeschränkten
Machbarkeit und des hemdsärmeligen Pragmatismus', dem Erkenntnisse
nur dann etwas gelten, wenn sie praktisch umzusetzen sind - meist für
einen schlechten Zweck. Zu dem Mißtrauen, mit dem man dort seiner
Wissenschaft begegnete, führte er darüber hinaus aber einmal brieflich
aus: »Die sexuelle Moralität, wie die Gesellschaft, am extremsten die
amerikanische, sie definiert, scheint mir sehr verächtlich. Ich vertrete ein
ungleich freieres Sexualleben, wenngleich ich selbst sehr wenig von solcher
Freiheit geübt habe [...] Die Betonung der sittlichen Anforderungen in der
Öffentlichkeit macht mir oft einen peinlichen Eindruck. Was ich von
religiös-ethischer Bekehrung gesehen habe, war nicht einladend ...«
Diese zwei Zitate wurden vorgeführt, um vor dem Hintergrund der
aktuellen Zensur zwei Wesensmerkmale der Psychoanalyse zu illustrieren: Erstens
ihre Wissenschaftlichkeit. Wie jede andere Wissenschaft würde sie
aufhören, eine solche zu sein, wenn sie sich bei der Ergründung eines
Sachverhaltes nach staatlichen und religiösen Vorschriften oder irgendwelchen
Verwertungskriterien ausrichten würde - dies der
»Irrtum« des amerikanischen Utilitarismus. Zweitens aber: Ihre an
einem objektiven Gegenstand - den neurotischen Erkrankungen - gewonnenen
Erkenntnisse stehen im Dienst der Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen.
Er taugt dadurch tendenziell nicht mehr zum Untertanen.
Mit der Entdeckung des Unbewußten - dem, »was man nicht wissen
darf«, den verdrängten sexuellen und aggressiven Wünschen des
Kindes und den elterlichen Strafandrohungen, die das bewußte,
zielgerichtete Denken und Handeln stören, beeinträchtigen und
lähmen - ist es möglich geworden, die individuelle Geschichte der
Persönlichkeitszerstörung nachzuvollziehen. Die Entdeckung und
Würdigung der infantilen Sexualität sowie der zentralen Rolle der
Sexualunterdrückung lenkte den Blick auf die gesellschaftlichen Wurzeln
des allgemeinen Elends und - auf deren Nutznießer, insbesondere die
Religion. Mit dem Zuwachs an Rationalität
und dem angstfreien
sexuellen Erleben (damit sind die unwirksam gemachten Störmanöver
des Über-Ichs gemeint; die gesellschaftlichen Einschränkungen wie
menschenunwürdiges Wohnen, Gängelung der Jugendlichen, § 218
usw. müssen erst noch beseitigt werden) schwinden die Möglichkeiten
der Fremdbestimmung, wächst die Ich-Stärke: der Mensch wird
wieder »Herr im eigenen Hause«. Die Finstermänner und
-frauen aller Schattierungen haben dies intuitiv und zielsicher erfaßt, daher
ihr schäumender Haß auf die authentische Psychoanalyse - von der,
sieht man von den Publikationen dieses Verlages und wenigen anderen
Ausnahmen ab, nichts mehr übriggeblieben ist - und auf ihren
Begründer
1).
Es ist hier nicht der Ort, im einzelnen auf die zentralen Inhalte von Freuds
Wissenschaft und die Geschichte ihrer Zerstörung einzugehen; die beste
Einführung in die authentische Psychoanalyse bieten immer noch die Werke
ihres Begründers. (Die Schrift von Fritz Erik Hoevels
»Der
Ödipuskomplex und seine politischen Folgen« ist zum Einstieg auch
nicht schlecht, wie mein eigenes Beispiel beweist - siehe unten. Es ist jedenfalls
eines der sehr seltenen Beispiele dafür - der tote Freud ist ja längst
in einen ziemlich vagen, aber auf jeden Fall fernen Klassikerolymp deportiert -, daß
die Psychoanalyse, wie schwach auch immer, noch authentisch fortlebt,
was hoffentlich auch das vorliegende Buch beweisen kann. Doch neben den
Gedanken tritt allmählich
sehr kräftig die pure Gewalt.)
Es bedarf nicht nur der Wißbegier und Disziplin, um sich die Grundlagen
der Psychoanalyse anzueignen, sondern mittlerweile detektivischer
Spürfindigkeit und einer Portion Glück, um an die unverschmutzten - das
heißt ideologie- und verleumdungsfreien - Quellen heranzukommen.
Denn im Zeitalter der Büchertischverbote, der Anzeigenzensur in den
monopolisierten und faktisch gleichgeschalteten Massenmedien, der
unauffälligen, dafür aber gründlichsten
»Säuberung« der Buchhandlungen in der deutschen Geschichte,
der Beschlagnahmung von Buchversendungen durch die Geheimpolizei, des
angedrohten Ausschlusses von Büchermessen aus politischen Gründen
usw. usw. gleicht der Weg zu den Publikationen dieses Verlags dem Robben durch
vermintes Gelände. Einen anderen Zugang zu aktuellen Schriften in der
Tradition Sigmund Freuds und seiner besten Schüler - vor allem Wilhelm
Reich (Achtung: die meisten seiner Veröffentlichungen sind verfälscht;
man hält sich besser an die wenigen, hier und da noch erhältlichen
Raubdrucke), Abraham und Ferenczi - gibt es nicht. Der Interessierte muß
also die doppelt schwierige Aufgabe bewältigen, bei dem Schwall
täglicher Totsagungen und Verdrehungen der Psychoanalyse nicht den
Überblick zu verlieren und durch das immer undurchdringlicher werdende
neudeutsche Zensurdickicht seinen Weg zu bahnen
2).
Anstelle weiterer grundlegender Ausführungen, die in aller
wünschenswerten Klarheit in den zuvor angeführten Schriften zu
finden sind, möchte ich lieber anhand einiger persönlicher Beispiele
schildern, mit welchen Hindernissen der Weg zu Freuds Wissenschaft gepflastert
ist.
Als nach der Finsternis des Hitlerfaschismus und seines katholisch-amerikanischen
Nachfolgetäters Adenauer die Werke Freuds in Deutschland
erstmals wieder erhältlich waren und in der Öffentlichkeit
zunehmend auf Interesse stießen, war ich Schüler der Mittelstufe in
einem süddeutschen Provinzgymnasium. Was uns an Ausläufern der
gesellschaftlichen Entwicklung dort erreichte, waren Gerüchte von Unruhen
in den großen Städten, die mit dem SDS, der Berliner Kommune, kurz:
der landläufig so bezeichneten »Studentenbewegung« in
Zusammenhang standen. Dies war freilich weniger als die halbe Wahrheit. Denn
die Unruhen an den deutschen Universitäten waren der Ausdruck eines
tieferliegenden gesellschaftlichen Wandels, der breitere Kreise der
Bevölkerung erfaßt hatte und sich vor allem durch eine
Ausweitung der persönlichen Freiheit auszeichnete, die
atmosphärisch spürbar war. Damit sind weniger die explizit
politischen Demonstrationen gemeint - daß sich ein so kleines und tapferes
Volk wie die Vietnamesen so heldenhaft gegen eine hochgerüstete,
bösartige Militärmaschinerie der USA zur Wehr setzte, war allerdings
äußerst ermutigend und vorbildhaft (der Gedanke, Ho Chi Minh vor
ein »internationales«, d.h. US-abhängiges Tribunal zu schleppen
wie jetzt den Serbenführer Karadzic, hätte hauptsächlich
Empörung und Verachtung ausgelöst) -, sondern die Tatsache,
daß die Einschüchterung durch Kirche und Staat nicht mehr im selben
Maße wie zuvor verfing. Mit der Pille schwanden die
Erpressungsmöglichkeiten faktisch, war die Sexualität von der
Schwangerschaftsdrohung befreit, eine ungeheure Bedrückung nicht nur von
den Frauen, sondern von der Jugend insgesamt genommen. In dieser Zeit
verschwand Bismarcks schändlicher Kuppeleiparagraph in der Versenkung,
der den Geschlechtsverkehr unverheirateter Jugendlicher unter Strafe stellte, und
die Demonstrationen gegen den § 218 (»Mein Bauch gehört
mir«) waren Ausdruck des
im gesellschaftlichen Durchschnitt
gestiegenen Selbstbewußtseins und Freiheitswillens. Daß ein
Lehrer seinen »minderjährigen« Schülern die Pille als
zuverlässigste Methode zur Empfängnisverhütung empfahl, ihre
Wirkmechanismen erläuterte und die Nachteile der anderen Antikonzeptiva
aufzählte (»Schwangerschafts-Roulette«), ohne dafür
gemaßregelt zu werden, sagt mehr über den Zuwachs an Freiheit aus
als tausend Abhandlungen zum Thema. Augenfälligster Ausdruck dieses
Wandels war die Durchbrechung des Nacktheitstabus; das Adenauergrau mit
seiner Verteufelung der Haut war gefallen. Minirock, Shorts, Transparenzblusen
und Nackte an den Seen zeigten an, daß die Ära der verschwitzten
Scham, der Prüderie, Heimlichkeit und Maßregelung schwere
Schläge erhalten hatte und sich auf dem Rückzug befand.
Freiheit macht denkfreudig. Dies war die Zeit, in der das Interesse der
Öffentlichkeit an der Psychoanalyse gewaltig stieg; wie groß die
Nachfrage war, kann man an den Auflagenzahlen (und Erscheinungsjahren!) der
nun bald auch als Taschenbücher erhältlichen Werke Freuds sehen.
Erst sehr viel später erfuhr ich, daß Raubdrucke von Wilhelm Reich,
die vom Bahnhof zum nahe gelegenen Universitätsgelände
transportiert werden sollten, schon auf dem Weg dorthin von Passanten (also nicht
in erster Linie Studenten!) restlos aufgekauft wurden. Davon, wie von den tieferen
Zusammenhängen dieses Umschwungs, wußten wir natürlich
nichts; die Universitäten waren ein vorläufig weit entfernter, zudem
noch recht vager Hort der Freiheit. Aber die Gegenseite hatte schon längst
ihre Maßnahmen getroffen (und man versteht nun vielleicht noch einmal
besser, warum flächendeckende Berufsverbote, Verfassungsbrüche,
Grundrechtsabbau, Ausbau des staatlichen Bespitzelungsapparates sowie der
Feminismus die notwendigen Etappen zur neototalitär verkrebsten BRD der
Jetztzeit waren).
Jedenfalls mußte damals an die Schulen der Auftrag gegangen sein, die
Schüler gegen den aufkommenden Freiheitsgedanken zu impfen, immun zu
machen. Verschweigen war nicht mehr möglich; Strafandrohungen und
erhobener Zeigefinger hätten die Attraktivität des
»Antiautoritären«, Verbotenen nur noch erhöht. Man
mußte also klüger zu Werke gehen. Während des Kalten Krieges
hatten westliche Geheimdienste eine Studie in Auftrag gegeben, mit der
herausgefunden werden sollte, auf welche Weise eine verbotene, aber attraktive
Anschauung - der Kommunismus - propagandistisch am wirkungsvollsten
diskreditiert und unschädlich gemacht werden könnte. Das Ergebnis
lautete: Eine Ansicht wird dann am effektivsten neutralisiert, wenn sie von einem
als solchen
bekannten Gegner dieser Anschauung
objektiv
und
neutral vorgestellt und dann höchstens diskret verurteilt
wird. Das sachliche Referieren unterläuft die allgemeine Erwartungshaltung
(»jetzt wettert wieder ein Pfaffe und erzählt Geschichten vom lieben
Gott«) und gibt dem Referenten Vertrauenskredit, den er dann bei seiner
Verurteilung der Idee ausnutzt (»wenn selbst
der - d.h. ein so
objektiver und neutraler Mann - das sagt, dann muß es ja so sein«).
So wurde unsere Schulklasse - und beileibe nicht nur unsere - zum Experimentierfeld
des Kalten Krieges. Die Aufgabe lautete, die Psychoanalyse zu
diskreditieren, und der Propagandaauftrag erging an einen Pfarrer, einen
progressiven protestantischen Pfaffen, der mit allerlei Schnickschnack (z.B.
Musikhören im Unterricht) die Sympathien der meisten Schüler
ohnehin auf seiner Seite hatte.
Nun war der Religionsunterricht kein Happening mehr. Mit getragener und
ernster Stimme berichtete der Pfaffe von der Psychoanalyse, ihrer
Aktualität, Brisanz; berichtete, daß ihre Kenntnis im Sinne eines
ganzheitlichen Menschenbildes unbedingt erforderlich sei. Als Textgrundlage
diente eine eigens für Schüler erstellte Broschüre - was noch
einmal dafür spricht, daß diese Kampagne geplant und von langer
Hand vorbereitet war -, »Das Spukschloß im Innern«. Dort wird
zwar einleitend festgestellt, daß »der psychoanalytische Ansatz«
(man beachte die Wortwahl: ein »Ansatz« ist keine Wissenschaft)
heute »sehr umstritten« sei, dann aber folgte, mehr oder weniger
korrekt, ein Abriß über das Modell der psychischen Instanzen
(»Ich - Es - Über-Ich: Die seltsame Sprachlehre des Herrn
Freud«), über die Entwicklung der infantilen Sexualität, die
Hauptformen neurotischer Erkrankung usw. Der Pfarrer hielt sich weitgehend an
diese Vorgabe. Bei der Frage der Sexualität und der Bedeutung der
Sexualunterdrückung, die uns natürlich am meisten interessierte,
verfiel das Lehrbüchlein allerdings schon in einen orakelhaft-warnenden
Ton: Es gebe Triebe, »die sehr gefährlich werden können«
(ohne auszuführen, warum und für wen); »deswegen hat das Ich
eine Zensur, eine Kontrolle eingerichtet« - als ob es sich um eine willentliche
Entscheidung für einen ausgewogenen Seelenhaushalt handle. In der Folge
war dann »von der reinigenden Wirkung des Sports« die Rede und
davon, daß »ein bestimmtes Maß an vernünftiger
Führung durch die Erwachsenen besonders notwendig« sei - diese
Sprüche waren bereits aus den sogenannten Auf-
klärungsbroschüren aus Adenauerzeiten bekannt und im allgemeinen
nicht beliebt. Hier übertraf der Pfaffe die Vorgabe und sagte, die Lehre
Freuds sei im Grunde schon o.k., dann aber folgte der Satz: »Vor dem
Wilhelm Reich müßt ihr euch hüten; der reduziert alles auf das
Sexuelle.« Niemand von uns hatte bis dahin diesen Namen gehört,
niemand fragte aber auch weiter danach oder hatte in der Folge je versucht, ein
Buch dieses Sittenverderbers zu bekommen. Der Pfaffe hatte seinen Impfauftrag
mit hundertprozentiger Erfolgsquote durchgeführt. Zur Erfolgskontrolle
wurde eine Klassenarbeit (in Religion!) geschrieben. Ich hatte wie die meisten das
Instanzenmodell brav referiert, sodann für eine »demokratische
Erziehung« der Jugendlichen (»die vernünftige
Führung« durch Erwachsene; siehe oben) plädiert, den
Extremen der »autoritären« und
»antiautoritären« Erziehung eine Absage erteilt und damit wie
die meisten die Note »sehr gut« bekommen. Die Schule als
ideologische Indoktrinationsanstalt hatte sich im Kampf um die Herrschaft in den
Schülerköpfen bewährt. Der abschließende Leitsatz der
Broschüre lautete: »Insbesondere muß eine Distanzierung von
Affekten wie Angst und Wut erfolgen, um eine bessere Ausgangsposition für
das kritische Denken zu erreichen«; dies bedeute »Demokratisierung
im Sinne Mitscherlichs«. Man würdige an dieser Stelle, wie die Schule
den Kalten Krieg im Klassenzimmer gewann, Unrechtsempfinden und
Freiheitsbestreben der Schüler mit Hilfe eines Pfaffen einlullte und sie auf
die Verzichtformel eines weinerlichen Psychologen verpflichtete. Eine Anleitung
von außen, eine Schulung an den Originaltexten, insbesondere die Kenntnis
der verfemten Reich-Texte hätte diese Auseinandersetzung noch einmal
spannend machen können (wie groß wäre dann aber das
Geschrei über die »Indoktrination« an den Schulen gewesen!).
So war der tendenziöse Kommentar an die Stelle der Kenntnis durch eigene
Anschauung und Überprüfung getreten, wobei die Lehrer - die
»Machtverehrer, Hirnverheerer« Brechts - den Zeitumständen
geschuldete Zugeständnisse machen mußten, um an ihr Ziel zu
gelangen. Heute reicht dafür schon eine Feministin und gewesene
Schönheitskönigin.
Später, an den Universitäten, wiederholten sich diese
Abschreckungsmanöver unter nur geringfügig veränderten
Vorzeichen. Noch waren die gesellschaftlichen Umstände in den siebziger
Jahren so beschaffen, daß man sich dem Schein nach in den
geisteswissenschaftlichen Fächern mit der Psychoanalyse auseinandersetzte.
Allerdings bestand die Diskreditierung der Psychoanalyse nun in erster Linie
darin, daß ihre angeblichen akademischen Vertreter - oft Mitglieder der
örtlichen IPsaV - durch ihre abgrundtiefe Inkompetenz und selbstverliebte
Geschwätzigkeit auf jeden ernsthaften Menschen abschreckend wirken
mußten: wenn
das die Vertreter dieser Lehre waren, dann konnte
es mit ihr auch nicht weit her sein. Symptomatisch ist der Fall eines Freiburger
Germanistikprofessors, der allgemein als Fachmann auf diesem Gebiet gehandelt
wurde. Er hatte als junger Dozent aufmerksam die außerhalb der
Lehrveranstaltung stattfindenden Vorträge eines SDS-Aktivisten und Freudianers
über die Psychoanalyse und ihre Anwendung in der Literaturwissenschaft
verfolgt, dies als Marktlücke für seine akademische Karriere entdeckt
und sie mit entsprechender Nachhilfe in diesem ihm recht fremden und fremd
gebliebenen Gebiet zielstrebig ausgebaut. Seine Habilitation über die Lyrik
des jungen Brecht ist für eine akademische Schrift erstaunlich lesbar und
enthält einige durchaus interessante Gedanken, über deren Herkunft
er sich wohlweislich in Schweigen hüllt. Die Seminare dieses
Kriegsgewinnlers der Studentenbewegung zur »psychoanalytischen
Literaturinterpretation« waren in jener Zeit berstend voll; er
präsidierte diesen Veranstaltungen als eine Art jung gebliebener Sonnyboy,
der bei Kontroversen meist vielsagend lächelte. Sein Spezialgebiet war der
»Narzißmus«, mit dem er gerne kokettierte; einmal von einer
Studentin auf seine Arroganz angesprochen, sich wie ein Papst aufzuführen,
bewies er unter schepperndem Gelächter auch lateinische Restkenntnisse:
»Háhahahà! Papst heißt auf lateinisch Papa! Du schiebst wohl eine
Vater-Übertragung auf mich!!« In dieser abstoßenden, aber
äußerst repräsentativen Anekdote hat man die IPsaV und die
Psychostruktur ihrer Repräsentanten in nuce; weitere Belege dieser Art
ließen sich bergeweise erbringen. Hier ging es nur um einen relativ
unbedeutenden Seminarschein; aber die Aussicht, jemandem in dieser
Art - IPsaV-Mitglied war der gute Mann zwar nicht, jedoch repräsentierte er ihren
Geist authentisch - über eine mehrjährige »Analyse«
ausgeliefert zu sein, erfüllt einen doch mit Schaudern. Hierzu wäre
noch etliches Weitere anzumerken, aber das ist nicht Thema dieses Buches. Um
Literatur und Psychoanalyse ging es in diesen Veranstaltungen eigentlich kaum.
Kenntnisse in der Literaturgeschichte, den Gattungen und Erzählweisen
waren nicht erforderlich, eher störend. Von jenem Professor selbst stammte
das strahlend verkündete Diktum, es sei generell nicht erforderlich, viel zu
veröffentlichen (was man ihm auch wirklich beim besten Willen nicht
nachsagen konnte), und entsprechend waren die Anforderungen an die Studenten
und der Informationsgehalt der Seminare (dies auch das Geheimnis des doch recht
zahlreichen Besuchs, denn es waren sogenannte »leichte Scheine«).
Kenntnisse der Psychoanalyse waren pro forma zwar verlangt, wurden aber
praktisch nicht eingefordert und waren ebenfalls eher störend. Anstelle des
Wissenserwerbs wurde vielmehr die Diskussion verschiedener
»Schulen« - das heißt der Verfälschung von Freuds
Wissenschaft durch Jung, Adler, Klein und andere - gesetzt; dieses Verfahren, das
man gern als »Pluralismus« und »Kritikfähigkeit«
ausgab, ähnelte so recht dem Stochern von Blinden im Nebel und steigerte
die allgemeine Konfusion. Freuds Biograph Ernest Jones, dessen Arbeit durchaus
auch viele zweifelhafte Stellen hat, bemerkt hierzu völlig treffend:
-
- »Jedenfalls wurden diese Abweichungen [sc. von Adler und Jung]
prompt als verschiedene psychoanalytische Schulen bezeichnet, und ihre
Existenz wurde von allen Gegnern - Laien und Fachleuten - reichlich
ausgenutzt, um zu begründen, daß man die Psychoanalyse nicht
ernst nehmen könne. Wie sollte man sie ernst nehmen, hieß es
immer wieder, und wie sollte man den psychoanalytischen Befunden
irgendwelches Vertrauen schenken, wenn ja ihre angeblichen
Wortführer unter sich so uneinig seien, daß sie es für
nötig hielten, verschiedene Schulen zu gründen? Für die
Skeptiker und die Gegner war das Wesentliche an den 'neuen
Theorien', daß Freuds Lehren verworfen wurden ...« (Bd. II, p.158 seq.).
Willkür und Beliebigkeit, Subjektivität und Spekulation waren so
zwangsläufig die Folge der entsprechenden »Interpretationen«,
und darin bestand ja auch das unausgesprochene Ziel dieser Veranstaltungen.
Hätte es in diesen Seminaren nicht Angehörige einer politischen
Gruppierung gegeben - der Marxistisch-Reichistischen Initiative -, die die
authentische Psychoanalyse verteidigten und auch öffentliche
Veranstaltungen zum Thema abhielten (es war die Zeit vor den seit ca. 10 Jahren
durchgängig gehandhabten Raumverboten, und so waren auch die Chancen
größer, auf die oben erwähnte Schrift »Der
Ödipuskomplex und seine politischen Folgen« zu stoßen) - diese
Seminare, abschreckend genug, hätten den Immunisierungseffekt des
Pfaffen an der Schule potenziert und dem Gutwilligsten den Rest gegeben. Der
Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß in Freiburg
alljährliche Symposien zum Thema Literatur und Psychoanalyse stattfinden,
in denen auch besagter Professor auf seine Weise zu glänzen weiß. Der
Leser möge, so er will, sich durch Augenschein davon überzeugen, ob
meine Schilderungen zutreffen oder nicht. Ich habe diesen Flohmarkt der
Beliebigkeiten, des akademischen Dünkels und der Gehässigkeiten
gegen die Psychoanalyse einige Male besucht; vor wenigen Jahren las ich in der
Zeitung, besagter Professor habe bei einer solchen Gelegenheit die Ansicht
vertreten, die Nazi-Konzentrationslager seien einer masochistischen Veranlagung
der Juden in gewisser Weise entgegengekommen. Ein Psychologe wie unser Land. -
Über die traditionell konservativere Mediävistik ist weniger zu sagen;
hier wallten eine Zeitlang die Jungschen Archetypen, den Umstand nutzend,
daß das Ritterethos recht stereotyp ist und über die Biographie der
Dichter und Epiker sowie über Einzelheiten der literarischen Produktion
extrem wenig bekannt ist. Zwar gibt es, vor allem im »Parzival«
Wolframs von Eschenbach, durchaus zentrale Passagen, die eine
psychoanalytische Textinterpretation lohnten; die Vertreter dieses Fachs reagieren
darauf aber eher mit Erschrecken und Unverständnis und halten sich an
die christliche Heilsbotschaft. Immerhin hörte ich einmal eine Vorlesung,
die ausschließlich dem Nachweis dienen sollte, daß der doppelte Inzest
in Hartmanns »Gregorius« zwischen Bruder und Schwester sowie
Sohn und Mutter »absolut nichts« mit dem Ödipuskomplex zu
tun habe. Der geistige Horizont jener Literaturwissenschaftler bewegt sich eher
im Rahmen jener Zeit, mit der sie sich befassen.
Sigmund Freud hat die geisteswissenschaftlichen Gebiete - Religion, Geschichte
und Literatur - einmal als die »Kolonien« der psychoanalytischen
Forschung bezeichnet. Ihr Stammgebiet ist die Analyse neurotisch erkrankter
Personen; hieraus hat sie alle wesentlichen Erkenntnisse gezogen. Also gilt es,
erst recht für den Literaturwissenschaftler, aber auch für den Leser,
der Näheres darüber wissen will, sich diese Kenntnisse anzueignen.
Die einleitenden Bemerkungen sollten dazu dienen, sich auf dieser Suche nicht
abschrecken zu lassen und Umwege wie Fallstricke zu vermeiden; zugleich sollte
aber auch eine Vorstellung vermittelt werden, aus welchen Quellen der Haß
auf Freuds verfemte Wissenschaft stammt und wie er sich betätigt.
Darüber sollte aber die Freude an der Erkenntnis nicht zu kurz kommen.
Jene »Kolonien«, insbesondere die Literatur, liefern eindrucksvolle
Bestätigungen für die Richtigkeit aller von der authentischen
Psychoanalyse getätigten Aussagen - der Existenz des Unbewußten,
der infantilen Sexualität, des Ödipuskomplexes, um nur die
allerwichtigsten Erkenntnisse zu nennen - und gewähren eine Vorstellung
davon, wie vielfältig die Anwendungsmöglichkeiten der Psychoanalyse
sind. Zu den Fragen der Methode verweise ich auf das Vorwort und das - zu einer
besseren Zeit für ein aufgeschlosseneres Publikum verfaßte - Nach-Vorwort
in Fritz Erik Hoevels' Buch
»Psychoanalyse und
Literaturwissenschaft - Grundlagen und Beispiele«; eine prägnantere
Übersicht und Problemstellung ist in keinem der vielen sonstigen neueren
Bücher zum Thema zu finden. -
Der letzte Aufsatz dieses Buches befaßt sich mit einem Werk, dem
literarische Qualitäten abgehen, aber es ist als einer der ersten
Krankenberichte in der deutschen Literaturgeschichte von Interesse. Im ersten
Drittel des 18. Jahrhunderts geschrieben, tritt die Person des Erzählers nur
holzschnittartig hervor; trotz seiner Mitteilungsfreude bleibt vieles mit
Rücksicht auf seine Zeit ungesagt, wird auch vieles unterschlagen, was der
Berichter als unwichtig erachtete. Bei Rilke, einem der wichtigsten Lyriker dieses
Jahrhunderts, und dem zwar unbekannteren, doch einen Rang als
»Kultautor« genießenden Erzähler unheimlicher
Geschichten, Lovecraft, bewegen wir uns auf sichererem Grund. Ihre Werke sind
zu einem großen Teil Phantasieprodukte; die Schriftsteller treten als Person
in klarer Kontur hervor. Der Reichtum ihrer autobiographischen Mitteilung
erlaubt es, ihr Werk und ihren Werdegang in ein Kausalverhältnis
zueinander zu bringen. Träume und flüchtige Phantasien, von denen
die Schriftsteller beiläufig berichten, sind oft identisch mit der literarischen
Phantasie, gewinnen ihren Stellenwert durch ihre Bedeutung in der Biographie
des Dichters. In allen Fällen führen die literarischen Phantasien zu
einschneidenden Erlebnissen in früher Kindheit zurück, die den
Textproduzenten bewußt nicht zugänglich sind, von deren Existenz sie
nicht einmal etwas ahnen. An ihrem Gesamtwerk wie an ihrer Person ist
abzulesen, von welcher grundlegenden Bedeutung diese frühkindlichen
Erlebnisse waren. Die rund 200 Jahre, die den Leipziger Geistlichen von dem
Lyriker und dem amerikanischen Phantasten trennen, zeigen an, wie sehr sich die
Selbstwahrnehmung verfeinert und die Ausdrucksfähigkeit gesteigert hat;
der Standesangehörige wird zum Individuum. Die drei Texte zeigen aber zur
gleichen Zeit, welch entscheidende - und erschreckend konstante - Rolle der
Religion bei der Zerstörung der Persönlichkeit zukommt. Dieser Aspekt
ist um so bedeutender, als sie sich nun wieder erlauben kann, gegen
mißliebige Literaten Mordaufrufe zu erlassen und sie für vogelfrei zu
erklären. Kulturelle Hochleistungen und ihre wissenschaftliche
Würdigung vollziehen sich nicht in einem wertfreien Raum; sie sind heute
sogar noch bedrohter als zu Zeiten des unglücklichen Adam Bernd.
Fußnoten:
1) Freud hat die hier skizzierten
Zusammenhänge am prägnantesten in seinem 1908 erschienenen
Aufsatz »Die 'kulturelle' Sexualmoral und die moderne
Nervosität« zusammengefaßt. In der - wegen der
unerträglichen Herausgeberkommentare absolut nicht zu empfehlenden -
»Studienausgabe« von Freuds Werken nörgelt der Mitherausgeber
Mitscherlich neunmalklug: »Diese Arbeit enthält keine
Analyse der tieferen, innerseelischen Quellen der Kultur; die von der Zivilisation
auferlegten Restriktionen werden eher als etwas von außen Aufgezwungenes
dargestellt, und die Triebe, deren Konflikt mit der Kultur hier betrachtet wird,
sind allein die Sexualtriebe.« Wer hätte das gedacht. Wie
professoral-pedantisch das doch ist, wie betulich und - wie feige. Mohr Mitscherlich
hat seine Schuldigkeit getan. Heute werden andere Töne angeschlagen.
2) Erst kürzlich wurde - die wievielte? -
»endgültige Widerlegung« der Lehren Freuds in den Medien
unter der Überschrift »Bye-bye Ödipus!« ausgeschrien.
Zwei Psychologen hatten sich die Mühe gemacht, 130 Schulkinder nach
ihrer Einstellung zu den Eltern zu fragen, und dabei
»herausgefunden«, daß »ödipale
Konstellationen« die »absolute Ausnahme« bildeten. (C.G. Jung
hat seinerzeit fast identische »Untersuchungen« publiziert, als er von
der Psychoanalyse abfiel.) Die Verfasser hätten es einfacher haben
können. Sie hätten einfach bei einer Straßenumfrage beliebig
viele Männer in einem beliebigen Land fragen müssen: »Wollten
Sie jemals mit Ihrer Mutter schlafen und Ihren Vater umbringen?«
(für Frauen die entsprechende ödipale Konstellation). Die Resultate
wären sicherlich überwältigend und Freud zu 100%
»widerlegt« gewesen. Es sei hier dem Leser überlassen, den
»Fehler« - oder besser: die böswillige Irreführung -
herauszufinden, die dieser »empirischen Untersuchung« zugrunde
liegt. Sie belegt immerhin eines mit Sicherheit: daß diese Psychologen
durchtriebene Scharlatane und die Medien ihre Lautsprecher sind.