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Ketzerbriefe |
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Flaschenpost für unangepaßte Gedanken Herausgegeben vom Bund gegen Anpassung |
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Leseprobe aus Ketzerbriefe Nr. 102Aufwachsen mit der Seuchevon Simone Reißner
»Gib AIDS keine Chance«, »Kondome schützen« und »AIDS
kriegt man nicht, AIDS holt man sich«, so oder ähnlich lauteten die Slogans, mit denen
ich von Kindesbeinen an dauerberieselt wurde. Ich war gerade mal acht Jahre alt, als ich 1987
über ein Plakat mit der Aufschrift des erstgenannten Slogans auf die Seuche aufmerksam
wurde. Auf die Frage an meinen mütterlichen Elternteil, was denn AIDS bedeutet, erhielt ich
die Antwort, daß dies eine Krankheit sei, an der man sterben kann, welche es aber
ausschließlich in Afrika gäbe. Mit dieser Erklärung gab ich mich die
nächsten Jahre zufrieden, zumal ich damals noch nicht die leiseste Ahnung hatte, wie sehr
AIDS noch nachhaltig mein Leben beeinflussen würde. Später dann, mit dem
Schulwechsel aufs Gymnasium und dem Einsetzen der Pubertät, erfuhr ich etwas mehr:
»... eine Geschlechtskrankheit oder so etwas ähnliches, von der vor allem
Homosexuelle, Prostituierte und Fixer betroffen sind. Man kann durch Blutkontakte oder
Geschlechtsverkehr infiziert werden, aber macht Euch keine Sorgen: wir leben schließlich auf
dem Land, und Kondome schützen.« Soweit die Biologielehrerin. Von Schülern
wurde jährlich ein AIDS-Tag veranstaltet, an dem Kondome verteilt wurden und
Gedenkminuten für die weit entfernten Opfer des AIDS-Virus stattfanden. Meine Schulfreunde
waren, glaube ich, sehr empfänglich für derlei Spektakel und
Lügenpropaganda: zum einen fehlte jedem von uns der erlebte Vergleich mit einer
AIDS-freien Zeit, so daß zum Beispiel der Gebrauch von Kondomen selbstverständlich
war, als ob dies schon immer so gewesen sei und ein Kondom einfach zu sexuellen Kontakten
dazugehört, zum andern wollte man die Lügen schon fast mit Erleichterung glauben.
Dennoch war der KDR-Aufwand nicht unerheblich. Quälende Fragen wie: »Wie sieht
es mit der Infektiosität von Speichel aus? 1) Kondome können schließlich aufplatzen, und was dann?
Stellt die Provinz tatsächlich eine Art AIDS-freie Zone dar?« brachen immer wieder
durch und ließen sich auch nicht so ohne weiteres beiseite schieben. Derlei berechtigte
Angstattacken machten sich bei mir vor allen Dingen in meiner Freizeit massiv bemerkbar:
So wird man also in die Differentialrechnung eingeführt: Berechnen Sie, zu welchem Zeitpunkt
t es Sie kosten könnte! Die österreichische AIDS-Hilfe steht Ihnen
jederzeit beratend zur Verfügung. Und machen Sie sich keine allzu großen Sorgen:
vielleicht gibt es ja bald einen Impfstoff! – Pfui Teufel! Man kann anhand dieser Aufgabe sehr gut
nachvollziehen, wie der Ideologietransport und die damit verknüpfte Einschüchterung
funktioniert: in einem für Schüler klassischen Angstfach wie der Mathematik wird die
Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus in sämtlichen Varianten berechnet. Da ist dann
für jeden was dabei: egal ob drogenabhängig, schwul, bi- oder heterosexuell – jeder
erhält dann ganz individuell sein persönliches Lebenserwartungsergebnis. Gleichzeitig
hat dann die gesamte Schulklasse die Möglichkeit, mit einem vor Verständnis
triefenden Lehrerlein zwischen den Rechnungen die Probleme der Jugend zu diskutieren! Das
eigentlich Obszöne dieser Rechenaufgaben ist meines Erachtens also nicht, daß man mit
Hilfe von mathematischen Methoden in der Lage ist, die Ausbreitungsgeschwindigkeit einer
Seuche zu berechnen, sondern die Umstände, unter welchen die Schüler genötigt
werden, sich ihre verbleibenden Glücksmöglichkeiten zu berechnen. 2) Diese sind unter den jetzigen gesellschaftlichen
Bedingungen faktisch Null – das Ganze wird um so zynischer, wenn man sich vor Augen
führt, daß die dafür Schuldigen die gleichen sind, welche bestimmen, was in
einem Schulbuch zu stehen hat und was nicht. Welch innerer Reichsparteitag für diejenigen,
denen wir durch bösartige Unterlassung und Verketzerung seuchenprophylaktischer
Maßnahmen (zu einem Zeitpunkt, als AIDS noch relativ schnell und problemlos hätte
ausgerottet werden können) die jetzigen Zustände zu verdanken haben: ich und alle
meine Altersgenossen werden nie die Möglichkeit haben, eine wirklich freie Sexualität
(nämlich frei von Todesdrohung) zu erleben. »Beißt ruhig in den
süßen Apfel, der vergiftet ist!«, so lautet die unverhüllte Parole derjenigen,
welche AIDS als ein Geschenk des Himmels betrachteten und für die Ausbreitung der
Seuche sorgten.
Fußnoten:
1) Die Ansteckungsgefahr von AIDS durch
Speichel ist zwar sehr gering, es gibt jedoch sehr wohl ein paar Erkrankungsfälle, die nur
durch infizierten Speichel ausgelöst werden konnten. Derlei Fakten erfährt man aus
der Presse natürlich nicht (sie waren mir auch als Schüler unbekannt), dafür
aber wird zum BSE-Erreger eine Hysterie im Volk erzeugt, obwohl noch kein einziger
Übertragungsfall von BSE-infiziertem Rindfleisch auf den Menschen sicher nachgewiesen ist.
»Gib BSE keine Chance – Du Rindvieh«! Dieser Hohn, das zweierlei Maß und die
Volksverarschung sind beispiellos und eine Zumutung für jeden, der sich vom Tierreich
unterscheiden möchte. |
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