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Leseprobe aus Ketzerbriefe Nr. 69

KB 69 Rezension:
Mark Polizzotti
Revolution des Geistes. Das Leben André Bretons

DM 98,-, 1040 Seiten, Carl Hanser Verlag 1996.



von Fritz Erik Hoevels

Da ist sie also, die ausführliche Breton-Biographie. Fleißig war ihr Verfasser sicherlich; die deutsche Übersetzung seiner 900 Textseiten ist meistens vorzüglich (nur Oppenheims angebliches »Frühstück im Pelz« [e.g. p.625] sollte wie gewohnt »Die Pelztasse« heißen, und Pedro de Luna war auch kein »Antipapst« [p.544], sondern ein Gegenpapst). Druckfehler gibt es nahezu keine, und das Papier ist so gut, daß auch Photos ohne ästhetischen Verlust auf ihm abgedruckt werden konnten. Polizzotti hat viele Dokumente exzerpiert und Überlebende ausgefragt, auch Werke Bretons ins Englische übersetzt - arbeiten kann er. Aber seinem Gegenstand tritt er mit Haß und so tiefem Unverständnis entgegen, daß man sich fragt, wie es möglich ist, daß ein solcher Feind des Surrealismus so viel Energie in die Biographie dessen Gründers investieren konnte. Wahrscheinlich mußte er eine Faszination abwehren, die ihn auf dem Wege zur Anpassung von diesem Fackelträger des entgegengesetzten Prinzips erwischt hat - so wie man einen Schnupfen erwischt - und die er mit geringerem Einsatz nicht loswerden konnte. Dabei wird er es gewiß als einen ganz besonders schlauen, ganz besonders »erwachsenen« Triumph über seinen intellektuellen Feind und vor allem: moralischen Herausforderer Breton empfunden haben, daß er diese aus inneren Gründen nötig gewordene Arbeit genau zu einem Zeitpunkt erledigen konnte, wo sie auch kommerziell gut verwertbar war. Denn noch hat die Säure im Magen dieses so großartig, geistweitend und freiheitsverheißend begonnenen und so scheußlich, verdummt und knechtisch endenden Jahrhunderts die wohl auf - sehr finstere - Jahrtausende hinaus größten und fortgeschrittensten geistigen Herausforderer nicht ausreichend zersetzt, als daß ihr - anläßlich runder Todes- und Geburtstage - ein solcher kompakter Fermentstoß nicht willkommen wäre. Wer immer es schaffen sollte, in der wohlbeschallten und -beflimmerten Knechtsfinsternis des folgenden Jahrtausends den Weg zu Werk und Botschaft Bretons zu finden, dem soll dieser grundsolide, aber auch grundhaßvolle Klotz von einem Buch im Wege stehen und den Zugang versperren - und ihm, wenn ihn vor der surrealistischen Herausforderung die Versuchung der Feigheit und Anpassung befällt, ein paar Hinweise und Anleitungen zur Verfügung stellen, wie er bei erfolgreich bewahrter eigener Kleinheit und Entfremdung Breton grinsend auf die Schulter klopfen kann.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: kein Biograph ist gehalten, seinen Gegenstand zu idealisieren oder gar unschöne Einzelheiten über ihn zu verschweigen; Wahrheitsliebe sei immer seine vornehmste Tugend. Jones' ansonsten so mustergültige Freudbiographie leidet z.B. unter der nahezu an stalinistische Muster gemahnenden Entstellung und ansonsten Auslassung der für Freud wenig rühmlichen Affären Gross und Reich. Aber die anderen ausführlichen Biographien, mit denen gegenwärtig die hervorragendsten Dichter und Denker unseres ihrer jetzt ganz beraubten Jahrhunderts ausgezeichnet werden, wie beispielsweise Beckett und Genet, lassen doch, so weit ich das erkennen kann, auch keine bekanntgewordenen Einzelheiten aus dem Leben ihrer Hauptpersonen aus, wie rühmlich oder unrühmlich diese nun einmal gewesen sein mögen - unterlassen also den Fehler von Jones und sind dennoch von allen, denen die besagten Dichter etwas wert sind, an allen Stellen mit Gewinn und ohne Ärger zu lesen, während das vorliegende Werk stets dadurch unangenehm auffällt, daß es keine Gelegenheit zur versteckten Herabsetzung des zentralen Surrealisten auslassen kann.
Der Grund dafür liegt zweifellos darin, daß Beckett und Genet zwar auch in einer besseren Zeit lebten, schrieben und dies aufgrund von deren größerer Geistigkeit und Freiheit auch konnten - was man ihren Werken deutlich anmerkt -, aber nun doch eine entschieden geringere Herausforderung an jedermanns Überich und Entfremdungsbereitschaft darstellen als ausgerechnet Breton. Denn dem Gründer und Führer des Surrealismus blieb es vorbehalten, dem Individuum, das der Identifikation bzw. dem Identitätsverlust entstrebt und seine auf dem Prokrustesbett der Gesellschaft erhaltenen Brüche und Verrenkungen wieder aus- und nach Möglichkeit geradeheilen will, ein weiteres Werkzeug in die Hand gegeben zu haben, das neben den unverzichtbaren primären Werkzeugen der Aufklärung, der Psychoanalyse und des Marxismus durchaus eigenständig wirkt - »wirken« im Sinne der Wirksamkeit verstanden - und das Arsenal der Individuen im Kampfe gegen den gesellschaftlich induzierten Ichverlust erst vollständig gemacht hat. Unter diesem Aspekt verdient es Breton - wenn wir uns auf unser nach so hoffnungsvollem Anlauf abgestürztes eigenes Jahrhundert beschränken -, direkt neben Freud, Lenin und Trotzki genannt zu werden, und weiter kein anderer.
Er ist ja auch der jüngste dieser vier; Hitler, dieser erfolgreiche Wegbereiter der fdGO und, wenngleich wider Willen, auch der welterdrosselnden Pax Americana, schnitt ihm dementsprechend am relativ frühesten den Weg zur Wirksamkeit ab, nicht einfach nur durch physische Gefährdung und Exilierung, sondern vor allem durch nachhaltige Verschlechterung bis Zerstörung des für seine Mitteilung geeigneten gesellschaftlichen Resonanzbodens. (Es ist kein Zufall, daß in der letzten, der allerletzten besseren Zeit, die daher in jeder Hinsicht bewußt an die Vor-Hitler-Zeit anknüpfen wollte, der Zeit der sogenannten Studentenbewegung, Bretons Werke erstmals, aber dann in rascher Folge, auf deutsch und anderen traditionellen Kultursprachen fast vollständig zu haben waren, eine lange Periode nach Hitler also unter dem Gestank der adenauernden Käseglocke erstickt geblieben waren.) In Polizzottis Ausdrucksweise liest sich das so: »Dies [sc. das Verbot von Bretons neuestem Werk durch Hitlers französische Kollaborations-Regierung] war ein weiterer Beweis dafür, wenn es denn eines solchen noch bedurft hätte, daß das Frankreich, welches Breton zwei Jahrzehnte lang frei hatte skandalisieren können, nicht mehr existierte.« (p.697)
Freiheit der Meinungsäußerung - für Breton, wie P. ganz zu Recht sagt, »immer das Wertvollste« (p.715) - eine Narrenfreiheit, eine Art Luxus, auf den man auch verzichten könnte? Auch nach Hitler ist sie ja nur recht kurz und wohl auf lange Zeit zum letzten Mal zurückgekehrt, nachdem ihre gesellschaftliche Effizienz erst durch Hitlers Massenmorde, dann den faktischen Verlust der nationalen Souveränität der europäischen Kernstaaten an den US-Imperialismus schon kräftig untergraben worden war. Seit mindestens fünfzehn Jahren würde Bretons mit so viel Opfern und Anstrengungen aufgebauter Zirkel nicht nur von der inzwischen abschließend und lückenlos gleichgeschalteten Presse totgeschwiegen, verlagslos bleiben (oder der entsprechende Verlag hätte mit Annoncenboykott, Vertriebsbehinderung durch Post und Telecom, Ausschluß aus den lebensnotwendigen Verbänden und einschlägiger organisierter Verleumdung zu rechnen, alles vor Hitler in Mitteleuropa unbekannt gewordene Phänomene) und, milde gesagt, Probleme mit der Versammlungsstätte bekommen, sondern vor allem, wenn er doch irgendwie Aufmerksamkeit hätte erzwingen können, von einem willigst alle Kirchendirektiven ausführenden Staat und dessen gleichgeschaltetem Medienapparat unweigerlich zur »Sekte« ernannt werden, so weltlich und antireligiös er war, und Breton selbst zum »Sektenchef« oder »Guru«, mit allen Konsequenzen, die jeder so gut beurteilen kann wie ein Hitler-Zeitgenosse die Konzentrationslager. Genau dasselbe wäre heute Freud passiert - Modell VPM -, wenn er damit begonnen hätte, seine »Wiener« und später »Internationale Psychoanalytische Vereinigung« zu gründen, und ebenso selbstverständlich jedem, aber wirklich jedem effizient und autonom organisierten auch nur potentiell oppositionellen freien Zusammenschluß; die geifernden Verdrehungen der Einheitspresse vom »emotionalen Abhängigmachen«, »Psychoterror«, den bei Kirche, Heer, Beamtenapparat und Kartellparteien offenbar entschieden weniger anstößigen »hierarchischen Strukturen« oder einem »autoritären Führerprinzip« sind förmlich zu riechen. (Einer der führenden Inquisitoren der Gegenwart namens Hemminger schreibt in seinem mehr für Insider gedachten Verfolgungshandbuch, seinen Sektenkriterien hätten »selbstverständlich« auch die inzwischen untergegangenen K-Gruppen entsprochen - wie das alte, so macht auch das neue Mittelalter jede politische oder sonstwie organisierte geistige Opposition zur religiösen, und ihre Verfolgung geht letztlich nicht mehr vom Staat aus, der zum »weltlichen Arm« absinkt, sondern von der denunzierenden Kirche, die ihre Kritiker und Konkurrenten bespien und vernichtet sehen will - und solche waren die Surrealisten zweifellos, nicht anders als die Anhänger Freuds oder der kommunistischen Parteien. Kurz: vor Hitler und danach eine Weile lang vor Brandt gab es einmal eine bessere Zeit, jedenfalls in Europa.)
Ich versage es mir hier, die vielen versteckten Bausteinchen für ein inquisitionsgerechtes Bretonbild in Polizzottis Buch vorzuführen - sie sind diskret, aber unübersehbar plaziert, und der einzige Grund, sie nicht noch massiver zu präsentieren, liegt nur darin, daß jeder sich daran gewöhnt hat, eine inzwischen zu Lexikons- und Museumsehren gelangte Literaten-und-Künstler-Gruppe rückwirkend für problemlos immun gegen die inzwischen für jedes Analogon installierte Verfolgung als Sekte zu halten, und jede deutlichere Denunziation ihm unerwünscht klar vor Augen führen könnte, welch traurig mittelalterlichen Charakter die technisierte, aber der Aufklärung beraubte globale Gegenwart gewonnen hat und wie wünschenswert eine Restauration des Vor-Hitler- oder Vor-Brandt-Standes doch sein könnte. Ansonsten aber ist diese Facette von Polizzottis Darstellung, so vorsichtig sie auch aus besagter »Gefahr« heraus angelegt sein mag, deutlich von der in Erinnerung gerufenen Standardhetze der Gegenwart geschliffen worden.
Uff! Man merkt die Bedrohlichkeit des Themas; niemand liest mehr gerne weiter; jeder möchte diesen mörderischen Pfaffendreck, der uns so lange nach Bretons Tod schon über zehn Jahre beklemmend und würgend umstinkt, gerne wenigstens im Geiste von jenem getrennt halten, aber es geht einfach nur im Umkehrschluß: weil Breton - zusammen mit seinen Freunden, Anhängern und Zeitgenossen - real und historisch von ihm getrennt war, konnte er überhaupt existieren und wirken, konnte er seine Einsichten entwickeln und uns hinterlassen, und ebenso unvermeidlich wird seine Präsentation für Nachgeborene, die von diesem neoinquisitorischen Dreck bedroht und umzingelt werden, unweigerlich mit dessen Duftnote imprägniert. Denn sonst würde es keine »offizielle« Darstellung, kein gefeiertes und heraustrompetetes Werk, keine »Standardbiographie« (die Anführungsstriche sind im Futur zu denken).
Was war denn Bretons Anliegen wirklich, wofür schulden wir ihm ernsthaft Dank, ganz unabhängig von den gelegentlichen Fehlern und Überreaktionen, die ihm unbestreitbar auch passiert sind? »Das größte Abenteuer des Geistes«, haben es Größere (und Bessere) als Polizzotti mehrmals genannt, und das ist gewiß richtig. Nur: ein Abenteuer war es nur, wie jede ohne Wenn und Aber durchgehaltene »freie Assoziation« sensu Freud, in der Durchführung; das »automatische Schreiben« bietet im wesentlichen eine Analogie dazu. Die Zielsetzung als solche (nicht ihre jeweilige konkrete und notwendig asymptotische Erreichung) hatte aber in beiden Fällen nichts eigentlich Abenteuerliches, d.h. Zufallsgebunden-Unvorhersehbares, das sich in diesem Aspekt erschöpft: es war die Freilegung der authentischen Substanz des Individuums, die Wiedergewinnung seiner wahren Gestalt vor der gesellschaftlichen Verstümmelung, vorbei an den mehr als gefestigten, von gesellschaftlichen Quellen auch aktuell unermüdlich gespeisten Abwehrmechanismen gegen die Wahrnehmung dieser durch Berge von eingedrungenem Fremdem niedergehaltenen eigenen Substanz, der wahren und identifikationsfreien eigenen Identität.
So weit ist das Ziel demjenigen der Psychoanalyse parallel, sogar die Mittel zu seiner Erreichung sind ähnlich; deshalb hat Breton Freud auch eine unerschütterliche Dankbarkeit bewahrt, so ängstlich und scheinbar verständnislos sich dieser auch vom Surrealismus fernhielt. Warum, habe ich in meinem Buch »Marxismus, Psychoanalyse, Politik« schon vor längerer Zeit vorgeführt; hier möge die Bemerkung genügen, daß Freud, mit dem guten Recht des Wissenschaftlers, der Wertungsfrage immer ausgewichen ist - »Wir sind Ärzte, und Ärzte wollen wir bleiben« -, da seine einzige Einnahmequelle sonst sehr rasch vernichtet worden wäre und damit auch seine Forschungen, denen wir doch alles verdanken, nicht mehr durchführbar gewesen wären - ohne das solcherart geschaffene objektive Fundament hätte auch Bretons Aktivität keinen Boden gehabt. Aber so konnte Breton dessen subjektive Seite unerschrocken zu sich selbst bringen; alle seine Einsätze, ob künstlerisch oder außerkünstlerisch, zielen nur darauf ab, das (vormals geschundene und verstümmelte, gegen sich selbst aufgehetzte) Subjekt wieder zu sich zu bringen, von der Entfremdung zu befreien, die in ihm so tausendfältig verankert ist, sich selbst, aber nun in wieder authentisch gewordener Form, als die einzige legitime Quelle aller Werte zu erkennen, psychoanalytisch ausgedrückt: den zerstörten Primärnarzißmus zu restituieren. Welchen anderen Sinn hat sonst »das Wunderbare« sensu Breton, als jene subjektive Erscheinung zu substanzialisieren, die immer eintrifft, wenn eine äußere Wahrnehmung es schafft, Verbindung zu dem verschütteten Subjekt aufzunehmen, ähnlich wie ein Rettungstrupp zu einem verschütteten Bergmann, oder in der Sprache Bretons: »ans Fenster klopft«? Welchen anderen Sinn die Konstruktion des »objektiven Zufalls«, der dem Aberglauben seinen einzigen potentiell emanzipativen Gehalt entreißt - und damit erst recht der wesentlich abscheulicheren Religion, die ihn von diesem gestohlen hat und dann unverfroren für ihre finsteren Zwecke tanzen läßt, siehe »Totem und Tabu« sowie meine Bhagwanbroschüre -, als den, durch eine willkürliche Besetzung des Objektiven dem plattgetrampelten Individuum seine Ernsthaftigkeit zurückzugeben, es wieder in den wirklichen und selbstgeschaffenen Mittelpunkt des Weltalls zurückzuversetzen, der als einziger existiert und des Subjekts legitimster Platz ist? (Beweis: aufgrund der Unendlichkeit des Raums, Einzelheiten seiner Füllung hin wie her, kann man von mir ausgehend in alle Richtungen mit gleicher Geschwindigkeit beliebig weit vordringen, ohne anzustoßen - was sonst soll noch das Kriterium eines Mittelpunktes sein?!) Natürlich birgt das Konzept auch die Gefahr, in einen echten Aberglauben zurückzufallen, und Breton ist ihr nicht immer völlig entgangen, besonders in seiner Spätzeit (was aber nicht als individuelle Alterserscheinung zu deuten ist, sondern viel eher an der verzweifelten Lage zwischen dem Hammer des »westlichen« Menschheitskarzinoms und dem Amboß der stalinistischen Perversität liegt; diese Position hat schon früh die surrealistische Bewegung überschattet, geschädigt und wahrscheinlich auch vernichtet). Aber desungeachtet - und trotz aller historisch-politischen Unwissenheit im Detail - waren alle Äußerungen und Lebensäußerungen Bretons unwandelbar und kompromißlos Folgen seiner einmal gegebenen und bis zum Schluß unveränderten Parteinahme »für die Poesie, die Liebe und die Freiheit«. Auf p.884 zitiert Polizzotti dieses nun wahrhaft lebenslängliche Bekenntnis des schon todkranken Breton, nicht ohne den kindisch-hämischen Zusatz: »Der Glaube an die Freiheit hatte aber seine Grenzen« ... weil Breton nämlich einer verdächtigen Journalistin unmißverständlich - »mit drohendem Ton« - klarmachte, daß sein Interview nicht abgedruckt werden dürfe, bevor er die schriftliche Fassung gesehen habe. Sapienti sat! - Daß Breton und seine Anhänger die Freiheit mit untrüglicher Unbestechlichkeit überall verteidigten, wo sie von der Gewalt der Stärkeren angegriffen wurde - die Freiheit ist nicht nur die Freiheit des Andersdenkenden, wenn er wirklich selber denkt statt im Auftrag der Gewalthaber lügt, sondern auch und vor allem die Freiheit des Schwächeren vor der Gewalt des Übermächtigen -, zeigt ihr Einsatz für die vom hoffnungslos überlegenen Kolonialismus angegriffenen Rif-Kabylen unter ihrem Führer Abd el-Krim. Hier gelingt Polizzotti einmal ein sehr guter Vergleich: »Eine Sympathiebekundung, die damals etwa so populär war, wie es ein Plädoyer für Saddam Hussein sechs Jahrzehnte später sein würde« (p.345). Etwa - denn in dieser wesentlich besseren Zeit gab es noch die kommunistische Partei mit großem Rückhalt in der Bevölkerung, die, zusammen mit etlichen parteilosen opinion leaders, den elenden Kolonialkrieg Spaniens und dann Frankreichs unzweideutig verurteilte, wahrlich keine PDS oder anderer viertellinker Gummi!
Erst Breton hat der - leider nur möglichen - Emanzipation der Menschheit das letzte I-Tüpfelchen aufgesetzt, die Religion um das letzte Körnchen verwertbaren bzw. wertvollen Gehaltes gebracht und ihn der Menschheit zurückgegeben - den gleichen Gehalt, der immer in jeder Kunst gesteckt hat, die den Namen verdiente, und den er aus ihr weitestmöglich herausgeholt und befreit hat.
Denn die Kunst enthielt ihn ja meist nur latent; selten brach er, von günstigen Zeitumständen ermöglicht, deutlicher hervor; er kann in tiefste Knechtschaft geraten und die Kunst Ideologievehikel werden, bei Dostojewski wie bei der Nazikunst, bei Novalis wie beim »Sozialistischen Realismus« (und bei allem sakralen Zeug, das nicht heimlich mit Gegengift geladen ist, sowieso). Daher die ursprüngliche Zustimmung Bretons zur parodistischen »Anti-Kunst« vor allem Duchamps, sein Beginn bei Dada; das, was Polizzotti in diesem Zusammenhang »Ikonoklasmus« benennt, ist nichts anderes als der Angriff auf ein Ideologievehikel.
Wenn irgend etwas der fleißige Verfasser dieser übelwollenden Biographie nicht verstehen kann noch will, dann natürlich diese innere Logik (der Haltungen und Taten Bretons wie Duchamps). So kommt es bei ihm zu solch volkshochschullehrernem Bockmist wie: »Als Vorläufer der postmodernen Ästhetik postulieren Duchamps Ready-mades eine Welt, in der Kunst nichts weiter war als die ständig einem Recycling unterworfenen Artefakte der Kultur, ein Prozeß, der so oft wiederholt wurde, bis nichts mehr wiederzuverwerten war als das Verwertete selbst« (p.239). Noch einmal: so ein Bockmist! Was es mit den Ready-mades wirklich auf sich hatte, habe ich oben angedeutet, im Vorwort meines Buches über »Psychoanalyse und Literaturwissenschaft« genauer ausgeführt, und wer mir nicht glauben will, der höre den hochkarätigsten Zeugen, den es dafür gibt, nämlich Max Ernst in seinem letzten gefilmten Interview, besonders, was er zur sogenannten Pop Art zu sagen hat. -
Dieses tiefe, sozusagen strukturelle Unverständnis der Anliegen Bretons prägt das ganze Buch seines neuesten Biographen; es ist das unvermeidliche Ergebnis der fanatischen Feindschaft des Verfassers gegen Bretons zitierte und weiter oben auch umschriebene Grundwerte, besonders natürlich die - selbstgestaltete, kollektive, funktionsfähige - Freiheit. Deren praktischer Träger war seinerzeit - auch damals schon sehr bedroht, besonders militärisch, und mit nur knappen Chancen - der Kommunismus und die von ihm herbeigeführte Russische Revolution. Aus genau diesem Grund mußte Breton ihre Partei ergreifen, und genau aus den anderen ausgeführten Gründen mußte er als einer der ersten spüren, wann sie ihr Ziel verraten hatte - der Surrealismus und sogar ähnliche, weniger vollkommene Bewegungen sind immer Seismographen des Revisionismus. Der Dreiklang Poesie/Liebe/Freiheit mußte Breton zur jungen Sowjetunion und ihrer Partei führen, der »Sozialistische Realismus« und die schändlichen, des Mittelalters und unserer Gegenwart würdigen »Moskauer Prozesse« wieder fort, aber nicht ins Unverbindliche, sondern zu ihrem authentischsten und unbeugsamsten überlebenden Repräsentanten, Leo Trotzki. Freiheitsfeind und darum logischerweise Antikommunist Polizzotti (= MP) führt diese sachlich unvermeidliche Entwicklung dagegen auf etwas geradezu Kindisch-Persönliches zurück, nämlich Bretons Begeisterung für Trotzkis Memoiren. Darin hatte Trotzki doch wahrhaftig »den russischen Revolutionären eine heldenhafte Statur verliehen«, seine »heroische Einfärbung« der Russischen Revolution hatte Breton dazu gebracht, sich die Bolschewiki vorzustellen als »nur eine männliche Bruderschaft, die selbstlos für das Gemeinwohl kämpfte« (alles p.357). Tja, wie konnte dieser »Funktionär« - so tituliert MP den nun wirklich nicht sonderlich beamtenhaften Trotzki viermal an verschiedenen Stellen, warum nicht gleich »Apparatschik«! (denn der immerhin treffendere Titel »Feldkommandant« oder »Armeeführer« hätte ihm wohl immer noch zu positiv geklungen, wäre auch unerwünscht nahe an der zu verdrängenden historischen Realität gewesen) - eine solche Vorstellung der Russischen Revolution bieten!! Mit dem Gedanken des Heroismus - und wenn dieser Begriff irgendeinen Sinn haben soll, dann paßt er, mit allen moralischen Implikationen, auf nichts Geschichtswirksameres besser als eben auf die fast übermenschlichen Anstrengungen der authentischen Bolschewiki - wird das krampfhaft festgehaltene zentrale Credo und Dogma des postmodernen (= neomittelalterlichen) Zynismus am heftigsten irritiert, die für die fortwährenden Grinsezüge seiner Fresse zuständigen Synapsen noch einmal unter ein Maximum von Acetylcholin gesetzt. Denn die Leugnung jeder moralischen Dimension, jedenfalls wenn es um das Ziel möglichst umfassender, auf der gesellschaftlichen Ebene notwendig kollektiver Selbstbestimmung geht, ihre vorschnell grinserische Reduktion auf menschlich-allzumenschliche Kleinigkeiten und Banalitäten ist ihr innerstes Wesen, ihr zentraler Mechanismus, und nicht nur das entstellte Trotzki-, sondern auch das überall ausgebreitete Breton-Bild MPs ist danach. Da das wichtigste Anliegen Bretons gerade das Entrinnen aus der universalen Banalität (bzw., es ist nur eine Perspektivenfrage, Knechtschaft oder Selbstentfremdung) war, so ist es unvermeidlich der Trieb ihrer Hohenpriester und Verabsolutierer, wie es Baudrillard und sein Jünger und Übersetzer MP nun einmal sind, diesen ihren historischen Antagonisten unermüdlich in sie zurückzuzerren, in Hühneraugen, Künstlerrivalitäten und Beziehungskisten, eine Ebene, der zu entkommen Breton das Konzept des »objektiven Zufalls« ja gerade aufgebaut hat. (Ich gestehe, ihm hierin gerade in praktischer Hinsicht außerordentlich viel zu verdanken.) Deshalb gerät ihm die Auseinandersetzung Trotzki/Stalin auch zu dem, als was Geschichtslehrerlein sie auch darstellen sollen, nämlich zu einer Art innerbolschewistischem Fraktionskampf von der Interessantheit etwa der Frage, ob Jesus eine oder zwei Naturen besessen, gottähnlich oder gottgleich gewesen sein soll - und nicht etwa, wie es den Tatsachen entspricht, dem - leider wohl für Jahrtausende, wenn nicht für immer - entscheidenden Kampf um die Substanz der Oktoberrevolution, Original oder Fälschung, Fortbestand oder beschmutzende Zerstörung, Liebe zu Freiheit und Wahrheit oder wahrhaft sozialdemokratischer Haß auf sie: erst mit Gorbatschow hat Stalin ganz gesiegt, aber zusammen mit Trotzki hat Lenin schon ganz verloren. Doch daran darf ein Buch mit historischem Gegenstand nicht erinnern - obwohl der Gegenstand selbst, der Surrealismus nämlich, mindestens die Hälfte seiner historischen Dynamik und auch Tragik aus genau dieser Realität bezieht. Doch Vorsicht: er könnte am Ende verstanden werden!
Die Geschichte mit dem »Männerbund« und dem Adverb »selbstlos« ersparen wir uns. Jedenfalls ist niemand wegen seines Geschlechts im Kreise der Bolschewiki unwillkommen gewesen, fast im Gegenteil - aber die Frauen der Zeit taugten meistens, aus welchen Gründen auch immer, zu wenig. Wieviel persönliches Unglück daraus resultierte, erfährt der an der Wahrheit interessierte Mensch ein bißchen schon von Breton selber, ansonsten aber z.B. recht niederschmetternd aus Trotzkis unvollendeter Stalinbiographie. Bretons tatsächlich undiskutable, an Savonarola erinnernde Stellung zur Homosexualität dürfte hier ihre traurige Wurzel haben; es ehrt ihn aber nicht weniger als die Bolschewiki, den sexuellen Gleichheitsgedanken nie aufgegeben oder aufgeweicht zu haben, so wenig die umgebende Realität paradoxerweise ihn ermutigen konnte.
Damit stellt sich die Frage nach der Freilegung und Wiedergewinnung der sexuellen - als der heikelsten und zentralen - Subjektivität durch die Surrealisten überhaupt. Auch auf ihre Anstrengungen paßt in diesem Zusammenhang das Adjektiv »heroisch«. Denn es ist kein Spaß, seine verletzlichste Subjektivität, verbellt von der ganzen Gesellschaft zwischen Kirche und Katheder, nach strengen Regeln einer internen Öffentlichkeit zu objektivieren. Sehr viel ließe sich über diese »Gespräche der Surrealisten über Sexualität« sagen - wer eine wirklich adäquate und luzide Würdigung dieses Gegenstandes haben will, greife zu Peter Priskils Rezension ihrer Neuauflage (in Nr. 52 dieser Zeitschrift); wie erstaunlich wortkarg bleibt zu diesem ausschlaggebenden Punkt hingegen unser MP, der sonst die detailfreudigsten Mitteilungen über Bretons Hemden-, Krawatten- und Brillengestellfarbe zu den unterschiedlichsten Anlässen zu machen weiß, hier aber nicht nur recht geizig mit seinen Worten verfährt, sondern vor allem den eingeschleusten Kirchenagenten, der nur mit Mühe enttarnt und entfernt werden konnte, wohlweislich verschweigt - die Kirche mit ihren großen und geringeren Untaten wird, eine erwartbare Konstante des »postmodernen Zynismus«, überall gedeckt und zu ihrem Nutzen verleugnet - und der schließlich, da haben wir seine ganze Weisheit, zu dem kühnen Unternehmen nichts Besseres an Kommentar zu geben weiß als folgenden hochintelligenten Ausspruch einer gewissen in letzter Minute hinzugekommenen Youki Fujita: »Ihr solltet lieber ficken. Es gibt nicht genug Frauen hier. Ihr Jungs müßt noch ein paar Dinge lernen.« - Na prima! Wie gesagt: man halte einmal einen authentischen Kommentar daneben ...
Es versteht sich von selbst, daß auf diesem Hintergrund MP für ein anderes Unternehmen Bretons und seiner Anhänger, nämlich die sexuelle Entfremdung von ihrer finstersten und scheußlichsten Seite her anzugreifen, nur sehr wenig übrig hat: den Fall Violette Nozières. Der mutige Angriff der Surrealisten auf die ekelhafte Allianz von Staat und Familie zwecks Deckung einer wiederholten Vergewaltigung entlockt ihm nur gerade eine halbe Seite, und was für eine (p.567)! Da erfahren wir lediglich, daß Vater Nozières seine Tochter Violette »ihrer Behauptung nach sexuell belästigt hätte« - während alles dafür spricht, daß er sie jahrelang systematisch vergewaltigt hat. Und dieser Breton »glaubte« doch tatsächlich, »daß die Schuld M. Nozières traf und nicht seine Tochter« (die ihn in einer Art Notwehr vergiftet hatte). Diese postmodernen Burschen haben doch wirklich ein gutes Gespür dafür, was sie wann schreiben dürfen und was nicht! Denn wo bleibt hier gegen MP das spätfeministische Gekreisch, das der naïve Zeitgenosse eigentlich erwarten sollte? - Nun, ich weiß so gut wie MP, daß er dieses nicht befürchten muß: zu einig sind sich da die Feministinnen mit diesem ungerührten Sympathisanten der sexuellen Entfremdung, zu genau am anderen Ende jener Polarität angesiedelt, deren freiheitliches der Surrealismus innehat. Wer mehr begreifen will, lese einmal das - bis auf einen zweifelhaften Gedanken genau richtig analysierende - Büchlein von Katharina Rutschky, »Erregte Aufklärung«, und er versteht das scheinbare Mysterium besser - und außerdem noch, worüber er bei MP gar nichts Brauchbares erfährt, den kollektiven surrealistischen Aufsatz »Hands off Love« 1), in dem die Surrealisten Charlie Chaplin gegen beispielhafte Justiz-Ekelhaftigkeiten verteidigen. »Prozeß, den die Frau Charlie Chaplins gegen diesen wegen sexueller Perversion angestrengt hatte«, nennt unser parteilicher MP dieses justiziäre Vomitiv (p.416); es war zwar eigentlich »seelische Grausamkeit« statt sexueller Perversion, aber was macht das erstens schon in einer »Standardbiographie«, zweitens aber bemerke man den erstaunlichen Indikativ dieser fiktiven Perversion Chaplins neben dem verblüffenden Konjunktiv der veritablen Mehrfachvergewaltigung der wehrlosen Nozières! So zeigt der angeblich so hoch über den Parteien schwebende postmoderne Zyniker bei sorgfältigerem Lesen sehr deutlich sein wahres Knechtsgesicht, grinsig wie es sich geben mag, aber vom Anpassungswillen zerfressen wie von der fortgeschrittensten Syphilis - das wahre Gesicht des kommenden Jahrtausends, des Zweiten Mittelalters ...
Breton hat, in dürftigsten materiellen Umständen lebend und stets gefährdet, oft mit abgestelltem Telefon und Strom, sogar ohne Kohlen, sein ganzes Leben und Schreiben lang ein Gegenbeispiel zu dieser Haltung gesetzt, eines, das zwar durch Werke wie dieses fleißige aber boshafte verdunkelt werden soll, das aber, egal wie viele wirkliche oder halbe Fehler dem unnachgiebigen Anwalt der auch inneren Freiheit unterlaufen sein mögen, den Besten aller späteren Generationen, so lange seine Schriften zugänglich bleiben, eine Orientierung und Waffe im Labyrinth der gesellschaftlichen Lüge und Gewalt bieten kann. Der anderes vortäuschende Obertitel dieses Buches ist nur ein unehrlicher Köder, da es das Wesen der, nicht ganz zu Unrecht so benennbaren, geistigen Revolution Bretons an keiner Stelle anzugeben weiß - die Phrasen p.797, deren geistigen Vater der Kundige schnell erkennt, sollen diesen vom Leser schon bald gefühlten Mangel kaschieren, legen ihn aber erst recht bloß und sollen ihr Opfer in Wahrheit nur gegenüber Sartre wegen dessen direkterem politischen Engagement als folgenlosen Weisen bis Spinner in ein ausnahmsweise mildes Licht rücken. Aber ansonsten fragt sich jemand, der von Breton nicht mehr weiß, als was in dieser Biographie steht, doch sehr, womit er eine solche Aufmerksamkeit eigentlich verdient haben sollte ...
Nein, so erschöpfend und maliziös wir über alles informiert werden, was sich vielleicht an Schlechtem oder Zweifelhaftem über und gegen Breton zusammentragen läßt, so eifrig lotst es den Leser um jedes seiner wirklichen Ziele und Anliegen herum. Es mag noch lange seinen Wert als Quelle behalten, das ist wahr; wer aber Zugang zum Surrealismus sucht, der greife lieber, egal was Breton selbst an ihm auszusetzen hatte, zum bewährten Buch von Maurice Nadeau. Und ansonsten existieren ja noch, dank der letzten besseren Zeit, die wichtigeren Originalwerke alle in Übersetzungen ... und wer Werke und Fortwirken wirklich sucht, der findet sie überdies im Umfeld des Berliner Verlags »Sirene«. In diesem Buch nicht.


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Fußnote:

1) Dt. einigermaßen zugänglich in: Günter Metken (Hrsg.), Als die Surrealisten noch recht hatten. Texte und Dokumente, Wolke Verlag, Hofheim 21983, p.107 ff.




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