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Leseprobe aus Ketzerbriefe Nr. 107

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Die Zukunft Europas aus US-amerikanischer Sicht






von Peter Priskil

Mitunter – und vielleicht zu selten – wirft man einen Blick in amerikanische Tageszeitungen. Eine solche Gelegenheit ergab sich zufällig bei einem Aufenthalt in einem Prager Café, das die Tradition öffentlicher, angenehm ausgestatteter Leseräume im Wiener k.u.k.-Stil wiederzubeleben versucht, freilich mit den überwiegend unerquicklichen Produkten des modernen Zeitgeistes (die »sozialistische« CSSR, zu ihrer Schande sei es gesagt, versuchte das Jugendstilgebäude zu einem Treffpunkt für Alkohol-Abstinenzler und Nichtraucher umzufunktionieren: so verdirbt man sich wirklich die – aufgrund des antifaschistischen Widerstandskampfes verdiente – Loyalität der Bevölkerung; was für eine bezeichnende und zugleich überflüssig-schikanöse Dusselei!). Die Begleitumstände dieser kurzminütigen Zeitungslektüre sind durchaus der Mitteilung wert, da die persönlichen Beobachtungen und Erlebnisse Indikatoren eines tiefgreifenden Prozesses sind. Noch ist Prag eine Reise wert; die gotischen Bauwerke des spätmittelalterlichen Meisters Peter Parler faszinieren nicht minder als die exquisiten Jugendstilgebäude, in denen sich das Selbstbewußtsein und der Drang nach nationaler Unabhängigkeit des tschechischen Bürgertums gegen Ende des 19. Jahrhunderts manifestieren. Noch ist das Land des Jan Hus die Wiege der Reformation, noch ist die Stadt des Franz Kafka eine Metropole europäischer Kultur, wenngleich die Fassade allen Renovierungen zum Trotz zunehmend bröckelt und die Begleiterscheinungen des siegreichen Kapitalismus und der alles durchdringenden US-Fremdherrschaft immer häßlicher zutage treten und diese Substanz zerfressen: Bordelle und Prostituierte auf den Anfahrtsstraßen gleich nach der Grenze, Bettler vor Theatern und Museen, Fixer in den Bahnhöfen, deren verfallende Hallen im Stil des Fin de siècle nur noch den traurigen Schatten ihrer einstigen Pracht vermitteln. Tschechien ist NATO-Anwärter auf den obersten Plätzen, und das ist der Preis – ein Volk wird verschachert. Prag ist Propagandazentrale der USA für den Mittleren Osten; hier hat sich ›Radio Liberty‹ direkt am Wenzelsplatz eingenistet. Nicht nur kann einen des Abends in den gemütlichen Bierstuben der Gedanke beschleichen, die neuen Herren der Welt goutierten die musikalischen Darbietungen der tschechischen Eingeborenen wie einst die Kolonialbeamten die Stammestänze unterworfener Neger, auch in einem Caféhaus mit einem etwas verstaubten, merkwürdig antiquierten Habsburger Charme kann man auf Artikel wie den folgenden stoßen, den ich der Einfachheit halber gleich in Übersetzung wiedergebe:

Europa verschwindet von der Bildfläche,
und die USA werden die Sache allein schaukeln müssen.

Die US-Außenpolitik sei »selbstherrlich und vereinfachend«. Amerika habe den Weg eines »übertriebenen Alleingangs« beschritten, wettert Chris Patten von der Europäischen Union, ein Brite und ein Verbündeter. Patten stößt ins gleiche Horn wie die Außenminister Englands, Frankreichs und Deutschlands [...]

Schockiert wegen Bushs Rede über die »Achse des Bösen«, aufgebracht, weil der amerikanische Präsident dem israelischen Staatschef Ariel Scharon grünes Licht für die Niederschlagung der palästinensischen Intifada signalisiert hat, vom Donner gerührt, weil ein Krieg der USA gegen den Irak den gesamten Mittleren Osten hochgehen lassen könnte, fordert Europa die Vereinigten Staaten jetzt offen heraus – indem es die Behandlung der gefangenen Taliban- und al-Qaida-Kämpfer in der Bucht von Guantánamo (Kuba) verurteilt, sich über die von den USA verhängten Sanktionen gegen Irak und Iran hinwegsetzt und die Schaffung eines palästinensischen Staates fordert.

Leidet Europa unter einem »Hirngespinst«, wie Außenminister Colin Powell vermutet?

Nein, hinter diesem Zusammenstoß steckt mehr, weit mehr als das übliche Bettnässen, wenn die Yankees mal wieder in ihre Kampfhubschrauber steigen. Europa möchte sich von Amerikas imperialen Kriegen abkoppeln, weil Europa, Motor der Geschichte über fünf Jahrhunderte, erledigt ist. Europa liegt im Sterben. Ein Abschiedsküßchen für unsere Mutter, den Alten Kontinent – das war's, und auch mit den unbekümmerten Tagen der amerikanischeuropäischen Allianz ist es ein für allemal vorbei.

Bei den Vorarbeiten für mein neues Buch 1) konnte ich – außer dem moslemischen Albanien – kein einziges europäisches Land ausfindig machen, dessen Geburtenrate ausreichen würde, um sein Überleben in der gegenwärtigen Form bis zur Mitte des Jahrhunderts sicherzustellen. Prognosen der Vereinten Nationen zufolge wird Europa bis zum Jahr 2050 um 124 Millionen Menschen ärmer sein – das entspricht der gesamten Bevölkerung von Belgien, Holland, Dänemark, Norwegen, Schweden und Deutschland.

1950, während der höchsten Geburtenrate ihrer Geschichte, stellten die Europäer fast 30 % der Weltbevölkerung. Im Jahr 2050 werden es gerade noch 10 % sein. Jeder Dritte wird über sechzig, jeder zehnte Europäer über 80 Jahre alt sein. Schon jetzt vermelden einige europäische Länder mehr Sterbefälle als Geburten. Seit dem Schwarzen Tod hat Europa keinen solchen Einbruch in der Bevölkerungsentwicklung zu verzeichnen gehabt.

Im selben Zeitraum wird die Dritte Welt bis 2050 um drei bis vier Milliarden Menschen zunehmen – einem Äquivalent von 30 bis 40 neuen Mexikos.

Angesichts dieser Vergreisung bleiben den europäischen Ländern nur drei Möglichkeiten, wenn sie ihr großzügiges Renten- und Gesundheitssystem für die Älteren beibehalten wollen:

  • Heraufsetzung des Rentenalters und drastische Kürzungen bei den Leistungen im Renten- und Gesundheitssektor.
  • Verdoppelung oder Verdreifachung der Steuern für die abnehmende Zahl der Arbeitenden.
  • Importierung Hunderter von Millionen Menschen aus der Dritten Welt.

Will Europa das gegenwärtige Verhältnis von 4,8 zu 1 zwischen der Bevölkerung im Arbeitsalter (15–64 Jahre) und den Rentenempfängern (65 Jahre und darüber) aufrechterhalten, dann muß es bis zum Jahr 2050 rund 1,4 Milliarden Menschen importieren.

Woher werden sie kommen? Aus Nordafrika, dem Mittleren Osten und den ehemaligen Kolonien der alten europäischen Mächte. Die Konsequenzen, die eine solche noch nie dagewesene Masseneinwanderung für den Kontinent haben wird, liegen auf der Hand. […] Der Islam hat bereits damit begonnen, Europa zurückzuerobern.


[Es folgt eine Polemik gegen die restriktive Einwanderungspolitik Italiens und Japans.]

Auf Europa – das völlig vom arabischen Öl abhängt, sich ängstigt vor dem Terror der al- Quaida-Zellen, die über den ganzen Kontinent verstreut sind, das sich fürchtet vor dem Widerstand der Moslems und vor eventuellen Aufständen in seinen Städten, wenn es einen Krieg der USA gegen ein arabisches oder sonstiges islamisches Land unterstützt, während seine eigene Bevölkerung altert und schließlich ausstirbt –, auf ein solches Europa kann als Verbündeten nie und nimmer Verlaß sein, wenn die USA Kriege im Mittleren Osten, am Persischen Golf oder in Zentralasien führen.

Die Geburtenrate der amerikanischen Staatsangehörigen reicht ebenfalls nicht aus, um den Bedarf zu decken, aber bei einer geschätzten Zahl von 1,5 Millionen legaler und illegaler Einwanderer pro Jahr – plus deren Kindern – nimmt die US-Bevölkerung stetig zu.

Wir sind auf uns allein gestellt. Wenn Amerika Bushs Krieg gegen die »Achse des Bösen« führen will, dann soll es nicht darauf warten, daß französische, englische oder deutsche Truppen mit uns auf Bagdad marschieren oder uns beistehen, wenn wir uns mit Teheran anlegen. Die glücklichen Tage der Großen Allianz sind gezählt. Jeder Krieg der USA im Krisenbogen vom Mittleren Osten bis nach Zentralasien wird künftig ohne die NATO ausgefochten.

Europa ist fertig. Seine Kreuzzüge sind Geschichte, seine Reiche vom Wind verweht, sein Ruhm und seine Größe ein verblichener Schatten. Europa möchte seine goldenen Jahre in Frieden und Behaglichkeit verbringen, während es langsam hinüberdämmert.

Am besten, wir lassen es allein mit seinen Erinnerungen und Poesiealben. Ave atque vale, Europa – sei gegrüßt und leb wohl.


Das sind Töne, was? Die Aussichten, als Europäer ein »white nigger« zu sein (die Araber sind in der Diktion der neuen Herrenmenschen [»master race«, am besten »master citizens«] »sand niggers«; da habt ihr euren »Rassismus«!), sind wirklich nicht schön. Aber Hautfarbe hin oder her – vor dem Monopolkapitalismus US-amerikanischer Prägung sind alle gleich, multi wie kulti; es kann einen wirklich schaudern.

Der Text erschien am 5. März 2002 in der Tageszeitung ›USA today‹, sein Verfasser ist Patrick Buchanan. Ein Blick auf seine Vita lohnt sich, denn sie ist für die Analyse des Artikels nicht unbedeutend. Buchanan, gelernter Journalist, startete seine politische Karriere als Redenschreiber für Nixon und brachte es unter Reagan, der die Sowjetunion durch Hochrüstung zur Kapitulation und Selbstauflösung zwang, zum »Kommunikationsleiter« (also Propagandachef) des Weißen Hauses. Buchanan ist Republikaner – was nichts besagt, denn die amerikanischen »Parteien« sind Werbevereine für den alle vier Jahre zu kürenden US-Wahlkaiser und unterscheiden sich inhaltlich durch nichts außer ihren Maskottchen, Esel und Elefant, für das fernsehende Wahlvolk –, und er ist, schon bedeutender, Katholik, mithin Angehöriger einer religiösen Minderheit in den mehrheitlich protestantischen Vereinigten Staaten. Als Gründer verschiedener Medienfirmen häufte er ein zweistelliges Millionenvermögen an. Hier spricht also kein hitzköpfiger Kolumnenschreiber aus einer hinterwäldlerischen US-Provinz, sondern ein Angehöriger der herrschenden Klasse, der als begabter Propagandist unter politischer Protegierung den Sprung zum »Unternehmer« geschafft hatte – wenn man so will, ein amerikanischer Cicero, denn der römische Emporkömmling und Vielredner brachte es durch seinen Aufstieg ja auch zum Multimillionär.

Buchanans Text ist dementsprechend, und eine nähere Betrachtung rechtfertigt sich durch den politischen Status des Verfassers, der wohl nicht übermäßig, aber leidlich intelligent und daher ernst zu nehmen ist. Halten wir uns dabei nicht mit Oberflächlichkeiten auf: Es handelt sich hier nicht um die x-te Neuauflage des Spielchens »US-Isolationismus versus Bündnispolitik«; das sind diplomatische Mätzchen für ein verdummungswilliges Fernsehpublikum, die regelmäßig damit enden, daß die europäischen Gaufürsten dem US-Wahlkaiser auf Knien hinterherrutschen und darum betteln, mitmachen zu dürfen.

Das zunächst augenfälligste Merkmal des Artikels besteht darin, daß hier Klartext gesprochen wird; insofern unterscheidet er sich wohltuend vom Ausgewogenheits- und Komplexitätsgefasel in der Presse der europäischen US-Kolonien. Im Ton hemdsärmlig, unverhohlen aggressiv und zynisch, wirkt er wie eine Ohrfeige, und ist auch so gemeint. Er ist eine Kriegserklärung der USA an den Rest der Welt, einschließlich Europas. Mit Lappalien wie der UNO hält sich der Verfasser erst gar nicht auf: Es sind die USA, die das Embargo gegen den Irak verhängt haben (»wir« und nicht ihr Marionettentheater, ihr internationaler Gesangsverein in New York, also gerade wie in der Wirklichkeit); selbst die NATO erscheint ihm, wegen der unzuverlässigen europäischen Hilfstruppen (römisch: die auxilia der socii), eher ein Verbund von Weicheiern zu sein. Wenn die europäischen Staaten unabhängige, selbstbewußte Nationen statt kolonialer Anhängsel des Imperium americanum wären, dann müßte ihre Minimalantwort auf diesen Artikel folgendermaßen lauten: Wenn ihr eure Scheißkriege alleine führen wollt, dann führt sie auch allein; von uns jedenfalls bekommt ihr keinen Cent von der Euro-Plastikwährung, keine Kugel und keinen Mann. Man wird auf eine solche Antwort vergeblich warten, und das weiß auch der Autor; folglich wird die USRegierung weiterhin gern und viel europäisches Geld nehmen und in den Bodenkämpfen lieber fremde Soldaten verbluten lassen, als die eigenen Leute zu opfern. Das Zentrum des Monoimperialismus und Sitz der herrschenden Klasse sind die USA, Europa ist abhängige Peripherie; ein Wink mit dem Zaunpfahl auf diese Abhängigkeit genügt dem Verfasser, wenn er auf die Erpreßbarkeit Europas bezüglich der für Industriestaaten essentiellen Ölzufuhr anspielt. Die Ölvorkommen der gesamten Welt befinden sich im alleinigen Zugriff des USImperialismus, mit Ausnahme des Irak und des Iran, der beiden nächsten Ziele amerikanischer Kolonialkriege. Und wenn beispielsweise die deutsche Howald-Werft – dort werden Kriegsschiffe und vor allem Torpedos hergestellt, die aufgrund technologischer Neuerungen für die US-Navy bislang nicht ortbar waren – vor kurzem in amerikanischen Besitz überging, so ist dies nur eine winzige Facette für den Kolonialstatus Europas, der sich in Tausenden von Vorgängen ähnlicher Art dokumentiert. Wie kindisch, wie sehr mit Realitätsblindheit geschlagen sind doch die Lamentos der Pseudolinken, eines Gremliza etwa, die von einem konkurrierenden europäischen, gar deutschen Imperialismus orakeln, wortreich am Faktum des US-Monoimperialismus vorbeischwallen und ihn gegebenenfalls mit vielen Krümmungen und Windungen rechtfertigen (so hätten die Amis beim ersten Kolonialkrieg gegen den Irak »aus falschen Gründen und mit falschen Begründungen das Richtige getan«; ›Konkret‹ 3/91; na prima).

Damit sind wir bei der Kernaussage von Buchanans Artikel, die sich wie folgt zusammenfassen läßt: Die in Europa spürbar zunehmende Verelendung, die bei weitem noch nicht abgeschlossen ist, stellt die direkte Umsetzung eines entsprechenden US-Diktats dar: höherer Profit durch Massenimport von Lohndrückern, ein Vorgang, der so alt wie der Kapitalismus ist (erhellende Beispiele aus der Glanzzeit der englischen Bourgeoisie finden sich bei Engels, ›Die Lage der arbeitenden Klasse in England‹: dort sind es die irischen »Paupers«, die, wie heute Türken, Afrikaner oder russische »Aussiedler«, als billig produzierendes und sich unter elenden Bedingungen vielfach reproduzierendes Menschenmaterial von den Kapitalisten ins Land geholt werden). Es kann nur ein unbedarftes, vom »Rassismus«-Geschrei vernebeltes Gehirn überraschen, wie zielstrebig der US-Propagandist Buchanan seine Verelendungsstrategie mit der Bevölkerungsfrage verknüpft. Sein Programm ist das exakte Gegenstück zu unseren drei politischen Kernforderungen, die in den Titel dieser Zeitschrift aufgenommen worden sind: Geburtenkontrolle – Arbeitszeitverkürzung – Gleichheit weltweit. Buchanans Rezept hingegen lautet: Bevölkerungsexplosion – Verschlechterung der Arbeitsbedingungen – Ungleichheit weltweit. Logik ist dabei des Autors Sache nicht, aber Gewalt und Logik sind seit jeher unversöhnliche Gegensätze. So stellt er mit geradezu heiterer Unbekümmertheit das Paradoxon auf, die Sicherung des hohen Rentenniveaus bestehe darin, daß man es zerschlagen müsse. Auch treibt er einen sonderbaren fetischistischen Kult um das ominöse Zahlenverhältnis zwischen der »Bevölkerung im Arbeitsalter« und »Rentenempfängern« als unproduktivem Teil der Gesellschaft, das geradezu zum »Wert an sich« erklärt wird und die drastische Maßnahme des Massenimports billigen Menschenmaterials rechtfertigen soll. Buchanan unterschlägt ganz einfach und ganz kaltschnäuzig die eherne Tatsache der systemimmanenten »strukturellen« Arbeitslosigkeit: Nicht jeder, der zur Arbeit fähig ist, hat auch welche. Es ist ja klar oder sollte es zumindest sein: Bei bereits bestehender Überbevölkerung (die in den Industriestaaten nur noch nicht so drückend ist wie in den meisten unterentwickelten Ländern der »Dritten Welt«) und hohem Stand der Produktivkräfte ist ein bestimmter, steigender Prozentsatz der arbeitsfähigen Bevölkerung zwangsläufig zur Arbeitslosigkeit verurteilt, da sich die Produktionsmittel nicht in Allgemeinbesitz befinden und folglich die Verteilung der Arbeit, mithin die Länge der individuellen Arbeitszeit, nicht gesellschaftlich geregelt werden kann. In Wirklichkeit dürfte sich das Zahlenverhältnis genau umgekehrt gestalten, daß nämlich ein Erwerbstätiger in den Industrieländern durchschnittlich mindestens drei, eher vier bis fünf Unproduktive miternährt (Kinder, Rentner, Arbeitslose, Hausfrauen, ImmigrantInnen und schließlich die zahlenmäßig nicht unbeträchtlichen Bürokratieparasiten und Parteibonzokraten; deren Gehälter, Vergütungen und Vergünstigungen wollen erst einmal zusammengekratzt sein, allein der Leiter der Bundes-Arbeitslosenbehörde macht seinen Job nicht unter einer Viertelmillion Euro pro Jahr). Indirekt konzediert der Propagandist die »strukturelle«, konstant zunehmende Arbeitslosigkeit, aber nur in dem Zusammenhang, daß die »schrumpfende Zahl« der Arbeitenden – was bedeutet das wohl?! – höher, ihm zufolge um das Zwei- bis Dreifache, besteuert werden müsse. Bei existierender progredienter Massenarbeitslosigkeit den Massenimport billiger Arbeitskräfte zu forcieren, ist demnach der geradlinigste Weg, das Heer der Arbeitslosen zu vergrößern, die Arbeits- und Lebensbedingungen zu verschlechtern, die Altersversorgung zu demontieren, kurz: die Massenverelendung durchzupeitschen. Aufschlußreich an Buchanans Text ist allenfalls, daß er gegenüber den amerikanischen Arbeitenden (also Nichtbesitzern von Produktionsmitteln) dieselbe Haltung einnimmt wie gegenüber den europäischen »white niggers«. Hier ist er ganz »Anti-Nationalist« und »Anti-Rassist«, denn als Lohndrücker ist jeder willkommen, gleich welcher Provenienz und Hautfarbe. Vor dem Monopolkapital sind tatsächlich alle gleich, spielt die Staatszugehörigkeit keine Rolle, da gibt´s ein Bleiberecht für alle, und jeder ist irgendwie ein Ausländer, fast überall. Als Propagandist der weltweiten Verelendung ist Buchanan nicht nur Angehöriger, Profiteur und Mundstück der herrschenden monoimperialistischen Klasse, sondern darüber hinaus, und das vervollständigt seinen finsteren Charakter, ein gehorsamer Sohn der katholischen Kirche.

Aus dieser trüb-stinkigen Quelle speist sich nämlich sein besonderer, an Zynismen überreicher Haß auf Europa, die abgetakelte alte Dame, die in Ruhe und Behaglichkeit ihre goldenen Jahre bis zum endgültigen Hinüberdämmern verbringen will. Es wäre eine fatale Illusion zu glauben, eine Type wie Buchanan und seinesgleichen würden dem Alten Kontinent aus Sentimentalität oder Gleichgültigkeit einen ruhigen Lebensabend, sprich: einen höheren Lebensstandard gönnen. Wie denn – die Yankees haben die Welt erobert, und der Europäer führt ein besseres Leben als der durchschnittliche Amerikaner, hat ein besseres Gebiß, besseres Essen, eine höhere Lebenserwartung und kann sich Fernreisen leisten? (Daher die Polemik gegen Italien, das Land mit einer der niedrigsten Geburtenraten in Europa und daher der höchsten Lebensqualität – man trifft auffallend viele Italiener bei Fernreisen, was ein zuverlässiger Indikator für Wohlstand ist; bei Japan liegt der Fall etwas anders, doch bis vor kurzem konnten es sich viele Japaner noch leisten, ihre knappe Urlaubszeit zu nutzen, um sich die Welt anzuschauen – ein jeder kennt ja die disziplinierten – Zeitnot! –, knipsfreudigen Scharen.) Das verbietet sich schon aus immanent imperialistischer Logik, denn dann könnte ja der Ghetto-Amerikaner, keineswegs nur der schwarze, auf »dumme Gedanken« kommen: Hat sich das alles wirklich gelohnt, im Wortsinne ausgezahlt? Wozu ist man eigentlich Herrenrassenmitglied, master citizen der Welt, wenn es einigen Nicht-Masters sogar durchschnittlich noch besser geht? Aber es geht um mehr: Europa steht für eine bessere Vergangenheit, es saß tatsächlich, wie Buchanan knurrend feststellt, über fünf Jahrhunderte im cockpit der Geschichte, und diese Geschichte erschöpfte sich keineswegs nur in der kolonialen Ausplünderung der restlichen Welt (für Marx-Kenner: der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals). In dieser Zeit war Europa auch Hort der Aufklärung, Träger der Menschheitshoffnung, Schauplatz nicht nur der französischen, sondern schließlich auch indirekter Ausgangspunkt der russischen Revolution. Und noch mehr: In der Übersetzung des Artikels mußte ich »Europa« zwangsläufig ins Neutrum setzen, Buchanan aber apostrophiert »Europa« in seinen bösartigsten Passagen als »she«, er meint »die Europa«, sein gärendster Haß zielt auf die Europa der griechischen Mythologie, die erste Glanzzeit des Alten Kontinents, welcher die Menschheit nicht nur erstmals mit der Demokratie vertraut machte – vorher durchaus unbekannt –, sondern dessen Kunstwerke den Gedanken der Humanität und Schönheit vor der christlichen Verseuchung repräsentieren. Hier artikuliert sich nicht der Neid des kulturell zu kurz gekommenen Imperialisten, sondern der brodelnde Inquisitorenhaß auf die »heidnische« Antike, eine scheußliche und abstoßende Mischung. Hier wird der »Europa« als symbolischer Repräsentanz einer besseren Vergangenheit aus Schändungsgier der peinliche Prozeß gemacht: Auf die Streckbank mit ihr! Vor allem aus diesem Grund soll »Europa« von der Bildfläche verschwinden, damit Amerika die Sache alleine schaukeln kann, in einer Welt des uniformen Elends mit Disneyland und Hollywood als einzigen Lichttupfen, unter dem Schatten des Kreuzes ...

Dieser letzte Aspekt ist in seiner Akzentuiertheit ein neues Element in der US-Propaganda zur »neuen Weltordnung«, und er klingt im Untertitel zu Buchanans Buch bereits an (»how … immigrant invasions imperil our … civilisation«). Nicht neu war bislang, daß die USA den Islam als Rammbock gegen die spärlichen Reste der Aufklärung einsetzen (siehe Afghanistan), jetzt wird offenkundig der finale Showdown zwischen Kreuz und Halbmond ins Auge gefaßt. Bei der Analyse der Kairiner Bevölkerungskonferenz (vgl. Ketzerbriefe 52 und 53) wurde zu Recht darauf hingewiesen, daß die Differenzen zwischen dem damaligen USWahlkaiser Clinton und dem Papst auf unterschiedlichen Zielsetzungen nach dem Endsieg des Monokapitalismus beruhen: der Kaiser wollte die Ernte des Siegs bei nicht allzu exzessiver Bevölkerungsexplosion einfahren, der Papst als Erzfeind der Humanität setzt uneingeschränkt auf die Uterusbombe. Buchanan scheint jene Minderheitsfraktion der herrschenden Klasse zu repräsentieren, die vorbehaltlos auf die Papstkarte setzt. Er paßt gut zu einer Regierung, welche die Brosamen der »Entwicklungshilfe« (was für eine Perversion ist dieser Name!) an das Abtreibungsverbot in den entsprechenden Ländern knüpft, welche das Schulgebet auf Schleichwegen wieder einführen will und jährlich über 120 Millionen Dollar ausgibt, um mittels Einschüchterungskampagnen die amerikanische Jugend vor vorehelicher Sexualität abzuschrecken.

In oppositionslosen Zeiten wie der gegenwärtigen kommt alles darauf an, durch Lektüre und Kommunikation – auch wenn sie erschwert ist – an das fast verschüttete Erbe der Aufklärung anzuknüpfen, um eine illusionslose und entschlossene Opposition wiederherzustellen, die ausschließlich der Herrschaft der Vernunft und der Selbstbestimmung verpflichtet ist. Wem es an Phantasie und Themen mangelt, der lasse sich durch die Haßschwerpunkte der Reaktion leiten; einige Stichworte sind hier gefallen. Da das zuvor erörterte Thema schon öfter in dieser Zeitschrift behandelt worden ist, sei noch einmal auf die grundlegenden diesbezüglichen Artikel insbesondere in den Ketzerbriefen 50 und 91, 92 und 93 verwiesen. Aus aktuellem Anlaß – dem eskalierenden Nahostkonflikt und der schändlichen Demütigung Arafats – sei die vor über zehn Jahren publizierte Analyse von Fritz Erik Hoevels in Erinnerung gerufen: ›Der zweite Golfkrieg und die Sache der Aufklärung‹ (Ketzerbriefe 23).

Peter Priskil

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Fußnote:

1) Patrick J. Buchanan, The Death of the West: How Dying Populations and Immigrant Invasions Imperil our Country and Civilization, St. Martin's Press, 2002.



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