Leseprobe aus Ketzerbriefe Nr. 49
Die sogenannten modernen Operninszenierungen
von Fritz Erik Hoevels
Wer immer eine der normalerweise so teuren Opernkarten gelöst hat, hat
seit längerer Zeit einigen Grund zur Furcht, ob er Geld, Zeit und
Parkplatzsuche nicht für bessere Zwecke hätte verwenden sollen.
Denn in der kräftig wachsenden Mehrheit der Fälle sieht er sich einer
sogenannten Inszenierung gegenüber, die zur Intention »der jeweiligen
Oper« - wir sagen das erst einmal so, nicht korrekter und scheinbar
problemärmer: »des Komponisten« - in unangenehmste
Konkurrenz tritt, ihr vielmehr mit äußerstem Haß begegnet und
ihr möglichstes tut, um ein Verständnis des Werkes zu verhindern.
Drei selbsterlebte bzw. selbsterlittene Beispiele aus den letzten Jahren: Don
Carlos läuft im Armani-Anzug zwischen allerhand Quadern einher,
König und Großinquisitor tun es ihm ähnlich, die Ketzer werden
natürlich nicht verbrannt, sondern müssen ganz dringend an eine
Kreuzung aus Krankenhaus- und natürlich KZ-Insassen erinnern
(Zürich). Lady Macbeth wäscht ihre Hände vom grünen
(sic! - blau wäre ja noch gegangen) Blut des von einem Kind in einer Art
Nachthemd dargestellten, von ihr unter dem Arm weggetragenen müde
strampelnden Königs in einer Art neonbeleuchtetem, ziemlich
bühnenbeherrschendem Bahnhofsklo, während Herr Macbeth natürlich
nicht ohne die Uniform der deutschen Wehrmacht auftreten kann (London).
Herzog Blaubart (auf Bartók-Basis) ist ein eisgrauer Zivilist unserer Zeit,
Typ pensionierter Studienrat, der in einer blendend weißen und dadurch zur
Augenbindehautentzündung des Zuschauers führenden Hohlecke eines
angeschnittenen Würfels mit einer (sic!)
Riesentür gleicher Art, die die gesamte Bühne teuer genug
ausfüllt, herumspazieren darf, während Judith dasselbe tut, aber
dafür hin und wieder herumkichert und grundsätzlich die falschen
Gesten und Mienen zum Text macht (falls Sie Bartóks Meisterwerk kennen, Preisfrage:
wo in ihm gibt es für Judith z.B. etwas zu kichern?). Natürlich
steht der beschriebene angeschnittene Würfel schief, ebenso wie die zitierte
Bühne für Macbeth mit ihrem (für die Sängerin)
lebensgefährlichen Balkon mit Bett, und da es schwierig ist, in die
personenarme Bartók-Oper noch das unverzichtbare Quentchen Drittes
Reich hineinzupacken, muß der pensionierte Studienrat vor dem schwarzen
Loch in der Wand, das die »Waffenkammer« darstellt, ein wenig
alterszackig herumsalutieren, dabei ähnlich herumspringend wie ein
Mensch seines körperlichen Zustandes, der dabei ein Hämorrhoidalleiden
durch Arschkrampf zu kaschieren sucht. Da freilich bei aller Gewalt gegen
den Text im besonderen und die Oper im allgemeinen dennoch das wichtigste an
ihr nicht geopfert werden durfte, nämlich die Pause zum Sektverkauf (und
zum Abreagieren der eigenen Hilflosigkeit), wurde an diesem Abend die
mißhandelte Oper daher zweimal gegeben, beim
zweiten Mal ankündigungsgemäß und schön feministisch
»aus der Perspektive der Frau« - es kann übrigens auch
andersherum gewesen sein am Tatort Frankfurt, zumal ich bindehautschonend in
besagter Pause desertierte, glücklicher und konsequenter als jene sonstigen
erfolgreicher weichgeklopften Opfer des Festingerschen Prinzips der
»Aufwandsrechtfertigung«, die ihre teuren Eintrittskarten wehrlos
leidend voll absaßen.
Genug. Wer immer Geld und Abend zur Oper trug, kann Myriaden
ähnlicher Geschichten erzählen. Es kommt darauf an, sie zu
begreifen.
Beginnen wir mit der subjektiven Seite. Allen »Inszenierungsopfern«
gemeinsam ist das Gefühl der Hilflosigkeit und die
Vorstellung, jede dieser ewig gleichen Inszenierungen einer Oper (oder eines ihr
ja strukturell verwandten Versdramas) gegen ihren intendierten Gehalt sei
irgendwie »modern«, d.h. dem etwa mit dem Impressionismus
einsetzenden anti-mimetischen Prinzip jeder anspruchsvollen abendländischen
Kunst dieses Jahrhunderts verbunden, wobei dieser recht vage
Begriff ebenso unklar wie fest mit den Kategorien der
Säkularität und der Emanzipativität,
bis zu einem gewissen Grade und darauf aufbauend, auch der
Individualität verknüpft wird. Dies
äußert sich beispielhaft darin, daß geistig etwas
beschränkte Kleinbürger, wenn sie selber durchaus zu ihrem
Mißvergnügen einmal Inszenierungsopfer geworden sind, jeden
Diskussionsversuch über das Systematische, Organisierte an den
Destruktiv-Inszenierungen damit abwehren, bisweilen mit ganz verblüffend
aggressivem Fanatismus, da habe halt wieder einmal so ein
»verrückter Regisseur« dahintergestanden, also eine Art
Einzeltäter, gegen den Behörden und Vorgesetzte einfach machtlos
sein müssen, obwohl diese angeblichen Einzeltäter doch erstens schon
recht lange in der Mehrheit, zweitens Helden der Presse, drittens Herren
über ganz erhebliche öffentliche Mittel und viertens normalerweise
mit sehr leicht kündbaren Zeitverträgen versehen sind, vom Publikum
aber durchaus nicht geschätzt werden - »die Häuser
leerspielen«, lautet die von der Presse scheinkritisch durchgesetzte
Standardformel -, also durchaus nur Geschöpfe offizieller
Instanzen bzw. von Machtträgern
(Verwaltung und Presse), keineswegs aber, wie etwa erfolgreiche Popsänger
vergangener Zeiten, des Marktes
(»Publikumsmagneten«) sein können. Das ebenfalls, aber auf
dem Selektions- und nicht dem Pressewege, standardisierte primitive
Kleinbürgerideologem vom »verrückten Regisseur«
läßt sich also durchaus analysieren. Es hat die gleichen Wurzeln wie
die schmerzhafte, quälend bewußte Hilflosigkeit der intellektuell
redlicheren und anspruchsvolleren Inszenierungsopfer, die man dann in den Pausen
mit großer Anstrengung die Musik und das Werk, eventuell auch die
sängerischen Leistungen loben und vorbewußt sowie erfolglos als eine
Art Rettungsanker gegen die visuelle Vergewaltigung auswerfen hört, die
sie gerade erleiden mußten.
Denn die Zauberformel der »Modernität« läßt die
Kritik sich im Kreise drehen, entzieht ihr die wirkungsvollsten Waffen. Die
Entideologisierung der Kunst, die traditionelle Opposition gegen die bald nur noch
im schrecklichen »sozialistischen Realismus« eine Weile lang
fortexistierenden »Schinken« trat stets auf als Antimimetismus: die
Beseitigung eines handlungskongruenten (»illusionistischen«)
Bühnenbildes kann sich auf sie berufen. Der Künstler opfert
Verständlichkeit der Individualität, wie das in radikaler Weise auch
Irre tun - er hat die Feinde der Individualität gegen sich,
haßerfüllte und bösartige Feinde, die seine (des besagten
modernen Künstlers wie des etwas zeitloseren Irren) notfalls verzweifelte,
aber eindeutige Botschaft durchaus treffend empfunden haben. Hier hat der
»verrückte Regisseur« der Vulgärformel seinen Ursprung:
können denn wirklich andere Menschen als die Vertreter ungerechter,
ungeplant und bewußtlos traditioneller, menschen- und daher
individualitätsfeindlicher Gesellschaftsordnungen
1) seine Feinde sein,
zugleich also die Feinde der Künstler und der Irren, der Individualität
und der Menschheit?! Auf dieser Seite will man schwerlich gefunden werden.
Und schließlich: hat nicht der wohl autoritativste moderne Bühnendichter,
Brecht selber, die Klassiker mit bester Begründung zum
»Verfremden« freigegeben, zum verwertbaren, von den Zwecken seiner
Schöpfer ablösbaren und sogar gegen diese einsetzbaren Material
erklärt? Stehen Regisseure, die tradierte Kunstwerke
gegen deren Intention darbieten, diese sogar völlig
verdrehen, durch diese Verdrehung nicht in der Tradition
Brechts, und durch die Unverständlichkeit
erzeugende Sinnzerstörung nicht in der ebenso ehrwürdigen Tradition
der modernen Individualitätsrettung, etwa des Surrealismus? Steht, wer
immer sich gegen sie wendet, nicht dementsprechend gerade in der Tradition von
deren Feinden, deren unwürdigen Kritikern,
diesen - und hier fällt das sonst so gern unter Verschluß gehaltene, als
»verstaubt« versteckte Wörtchen doch noch - diesen
Reaktionären? Und so erstickt jede sich um Weite
und Gutartigkeit mühende Kritik an den angeblich so
»modernen« Opern- und Theaterinszenierungen meist bald an ihrem
eigenen Schuldgefühl.
Es fällt nun aber auf, daß sowohl von der immanenten Tendenz ebenso
wie vom sozialen Ort her die Konstellation bei dieser angeblichen Moderne genau
andersherum verläuft als bei der authentischen. Oder, um es in der Art
Tucholskys auszudrücken: diese Moderne ist keine. Es fehlt ihr z.B., um mit
einem bezeichnenden Charakteristikum in der Art des Eco-Mönches Jorge
zu beginnen, jeglicher Witz: alle pseudomodernen Inszenierungen sind grundernst
wie ein pietistischer Gottesdienst. Niemals dient eine Verfremdung einer Pointe,
einer Entlarvung, einer Erkenntnis gar; sie ist immer nur gewalttätig
einschüchternde, lautstark totschlagende Proklamation. Die unverzichtbaren
Nazirequisiten könnten doch auch einmal gegen die Verlogenheit einer
tradierten Oper selbst eingesetzt werden, wo diese es verdient: da hätte man
seinen Brecht! Stellen Sie sich z.B. einmal folgenden Einsatz der
überhäufigen Nazis in einer ohne sie, aber eben verlogenheitsfördernd,
kaum mehr denkbaren Oper wie »Nabucco« vor:
DER ALTE KÖNIG (nämlich Nabucco) wankt auf die
Bühne. Sein Schnurrbärtchen macht ihn unverwechselbar.
DER REITENDE BOTE (in SS-Uniform): Heil Hitler!
CHOR: Heil Hitler! Heil dem Führer! Heil! (etc.)
DER REITENDE BOTE: Eine äußerst wichtige Nachricht,
alle mal herhören!
CHOR (Kanon): Alle mal herhören! Alle mal herhören!
(etc.)
DER REITENDE BOTE: Unser Führer und Reichskanzler
Adolf Nabucco Hitler ist zum Judentum übergetreten!
CHOR I (der SS): Heil! Heil dem Führer! (etc.)
CHOR II (der Juden): Heil! Heil Israel! Heil dem Führer!
(etc.)
DER ALTE KÖNIG nimmt, zusehends sicherer geworden, seinen Platz
auf einem riesigen, vom Schnürboden heruntergelassenen Thron ein, der in
etwa gleicher Mischung mit altorientalischen und nationalsozialistischen
Zierelementen geschmückt ist.
DER REITENDE BOTE (rezitativo secco): Unsere Kriegsziele sind
geändert. An der Ostfront ist gestern ein Separatfriede geschlossen worden.
Alle Kräfte unserer Wehrmacht gelten ab jetzt der Eroberung des britischen
Mandatsgebiets Palästina. Durch den genialen Architekten Albert Speer soll
die neue Reichshauptstadt Jerusalem eindrucksvoller werden, als sie unter Salomo
auf die Moabiter gewirkt hat.
CHOR: Heil! Heil! Heil dem Führer! (etc.)
DER REITENDE BOTE: Wegen seiner ungewöhnlichen
Standhaftigkeit hat der Führer und Reichskanzler persönlich und mit
sofortiger Wirkung Rabbi Zacharias zum Obersturmbannführer von ganz
Süd-Galizien ernannt!
CHOR (erst die jüdische Hälfte, dann tutti): Heil! Heil
Zacharias! Heil dem Führer! (etc.)
ZACHARIAS: Ja, ich wußt' es (da capo; Melodie aus der
»Dreigroschenoper«): wenn die Not ist am höchsten, ist
die Rettung am nächsten!
DER REITENDE BOTE: Alle Gefolgsleute von Rabbi Zacharias
werden auf Wunsch ab sofort in die Waffen-SS aufgenommen! Die
Dienstuntauglichen erhalten einen monatlichen Ehrensold von 170 Schekel
babylonischer Reichsmark.
SCHLUSSCHOR(AL): Nun danket alle Gott etc.
Der Thron mit NABUCCO wandert allmählich in die Wolken des
Bühnenhimmels, aus welchem JAHWE gutgelaunt hervorgrinst.
Nun, so könnte eine »moderne«
»Nabucco«-Inszenierung eben nicht aussehen. Von wegen
»verrückter Regisseur« und »unbremsbarer Einzeltäter« - diese eigentlich sehr treffende
Darstellung der unsäglichen Verdioper würde niemals auch nur
einmal hinter dem Bühnenvorhang hervorkommen. Natürlich
enthielte sie Anachronismen, auch interne; Obersturmbannführer pflegten,
anders als Markgrafen und Herzöge im Mittelalter, nicht für Gebiete
ernannt zu werden, und das aus verstaubten spätantiken Titulaturen
herübergezerrte Wörtlein »ganz« vor Territorialangaben
unterstreicht diesen Zeitenmix noch. Aber nicht grundlos: jedes parodistische
Element ist voll verständlich, die Verfremdung ist funktional wie bei Brecht,
und in der Ferne winkt der Staatsanwalt.
Ganz anders jedoch bei den pseudomodernen Inszenierungen. Hatte die
authentische Moderne den Staatsanwalt und große Teile der
Mehrheitspresse stets gegen sich, hinter sich jedoch eine sozial und
mengenmäßig unabgrenzbar breite Masse bewußt oppositionellen
Volkes - man studiere doch einmal, spaßes- und erkenntnishalber, die
Aufführungsgeschichte des »Wunderbaren Mandarins« oder die
der Stücke des eingekerkerten (sic!) Toller -, so ist es bei der Pseudomoderne
genau umgekehrt: alle Mächte sind auf ihrer Seite. Natürlich ist diese
monopolisierte Seite klug genug, sich nicht sofort zu verraten und den
»Moderne«-Mythos: »Neuerer siegt gegen
Widerstände« nicht voreilig zu opfern: jede
dritte pseudomoderne Inszenierung wird in der
Lokalpresse mit den treffenden Argumenten
»verrissen« und so der Leserschaft ein Ventil gegeben, sich Luft zu
machen, und vor allem das kostbarste Gut der »totalitären
Demokratie«, der Glaube an die Zeitung als Ware (statt als arbeitsteiliges
Regierungsinstrument) vor dem Durchschauen gerettet (man siehe dazu das
wichtige »Editorial« in Nr. 14 dieser Zeitschrift). Aber die Bresche ist
geschlagen, der Weg freigebombt, das Publikum dressiert, bevor es boykottieren
könnte. Denn um es bis zum geplanten Ende zu führen und selber die
Marschgeschwindigkeit bestimmen zu können, werden nicht
alle Operninszenierungen dem pseudomodernen Schema unterworfen,
sondern, nach dem Prinzip der »unregelmäßig intermittierenden
Belohnung«, die der Extinktion am zuverlässigsten entgegenwirkt,
d.h. plötzliche Massenkündigungen verhindert, immer wieder
»angenehme«, d.h. werkverträgliche Inszenierungen eingestreut,
die jeden abonnierten Opernabend so spannend machen: wird es wieder so
scheußlich - oder am Ende doch angenehm und sein Geld wert ...? Diese
Brocken werden also bewußt hingestreut, nur sollten sie nicht von
»bekannten« Regisseuren ausgegeben werden. Denn dann setzt es
Tadel, wie z.B. gegen die wirklich gute, d.h. werkkompatible Leipziger
»Boris-Godunow«-Inszenierung.
Wie gesagt: der »Moderne«-Mythos - die Presse herausfordern, der
Kritik trotzen, »schocken« - der könnte, und jeder weiß es,
durch eine konventionell werktreue, wenngleich nicht dumme oder biedere,
Aufführung am allerzuverlässigsten entlarvt werden. Denn
dann hat man die Presse wirklich
gegen sich ... jeder, wirklich jeder weiß es. -
Die Medien, die Machthaber sind also die eigentlichen Herren der Oper:
nicht das Publikum. Das Publikum - und daher das berechtigte Gefühl
seiner Hilflosigkeit - hat keinerlei Einfluß mehr auf die Opernhäuser,
es ist bloß vorderer Teil der Kulisse, es könnte, wären nicht
Festingers Gesetze, selber Statistengehalt beziehen statt Eintritt zu zahlen (aber
auch die Presse ist, obwohl diesmal wegen der Zustellungskosten sogar
unökonomisch, nicht kostenlos erhältlich). Lächerlich der
selbstverarschende Premierenkult, Relikt aus jenen Zeiten, in denen die Laufzeit
einer Aufführung von der Publikumsreaktion am Ende der ersten oder der
Zahl der verkauften Eintrittskarten abhängig war: rührende
Legenden aus der Zeit der Konkurrenzwirtschaft in der Zeit des
Monopolkapitalismus. Buht oder klatscht so viel Ihr wollt, Ihr Narren, das
ändert nichts an Eurem Statistenstatus (und daher auch nichts an den
Aufführungsziffern oder gar dem Schicksal des Intendanten).
Und die andere Seite der Modernität, der Individualismus, der Kult des
isolierten Genies? - Sparen wir uns das bei der absoluten Einförmigkeit der
Pseudomoderne, betrachten wir lieber den verborgenen Sinn ihrer leicht
erkennbaren Mechanik! Zumal der ganz individualistische
Individualist doch kaum bei einem Text von Shakespeare oder einer Oper von
Wagner stehenbliebe, sondern selber einen oder eine neue schriebe ... statt Text,
Partitur und Publikum einfach als Geiseln für seine elende postmoderne
Scheiße oder Botschaft zu nehmen. Und diese Scheiße muß jetzt
ins Labor; drei Proberöhrchen sind am Anfang des Artikels abgeliefert
worden.
Als erstes fiel, wie gesagt, die unglaubliche Aggressivität der pseudomodernen
Inszenierungen gegen die Mitteilung und den Gehalt der jeweiligen
Werke auf. Als erstes zerstört sie zielstrebig die
Verständlichkeit. Dazu gehört, neben der schon konventionellen
irreführenden Kostümierung und Dekoration, auch durchaus zentral
der ziemlich absurde Kult der Originalsprache, welcher
keineswegs nur der internationalen Verkäuflichkeit der Tonträger und
Verschieblichkeit der Sänger wegen einriß - dagegen hätte sich
ein wirklich interessiertes Publikum bald erhoben und einen eigenen Markt gebildet -,
sondern vor allem aus diesem Grund. Die extrem
verlogene Standardbegründung für diesen wuchernden Brauch lautet
bekanntlich, daß auf diesem Wege die - sonst ja auch so liebevoll vom
Regisseur unterstützten und herauspräparierten, nicht wahr? -
Feinheiten der Komposition besser wahrzunehmen
wären.
Elhagytam az apám, anyám,
Elhagytam szép testvérbátyám,
Elhagytam a völegényem,
Hogy váradba eljöhessek.
Kékszakállú! Ha kiüznél,
Küszöbödnél megállanék.
Hätte hier ein unsensibler Frankfurter Regisseur die - mit Billigung des der
deutschen Sprache sehr wohl mächtigen Komponisten hergestellte -
deutsche Übersetzung verwendet, wie sie in der Wiener Uraufführung
dieser Oper, welche sehr kurz nach der Budapester stattfand, benutzt wurde,
welche verborgenen Feinheiten wären dem in seiner Mehrzahl gewiß
des Ungarischen mächtigen (? - oder?) Publikums unrettbar
verlorengegangen! (Zur Erläuterung für die Feinheitssucher: im
Ungarischen wird grundsätzlich die erste Silbe betont, Akzente bedeuten
Längen, ihr Fehlen Kürzen, s = dt. sch, sz = stimmloses s, vgl.
Liszt.)
Die Lizenz, Opern in landesfremder, also dem Publikum größtenteils
unverständlicher Sprache aufzuführen, entstand bekanntlich durch
die Ausbreitung der italienischen Oper in Frankreich, und dem Stammland aller
höheren europäischen Musikkultur stand es wohl zu, ein wenig
»Kulturimperialismus« zu treiben, zumal Französisch und
Italienisch nahe verwandt sind und jeder Musikinteressierte ohnehin Grund hatte,
Italienisch zu lernen, und jeder Gebildete Latein ohnehin konnte. (Des weiteren
lag Italien aufgrund seiner inzwischen eingetretenen politischen
Bedeutungslosigkeit außerhalb des Spannungsfeldes der rivalisierenden
europäischen Großen Drei, also Deutschland (bzw.
Österreich)/England/Frankreich, so daß es in seiner machtlosen
Zerrissenheit leicht als bloße, idealisierte »Kulturnation« empfunden
werden konnte.) Von da an breitete sich der Brauch, unter bestimmten
Voraussetzungen Opern auch außerhalb des italienischen Sprachgebiets von
vornherein in italienischer Sprache zu schreiben, an verschiedenen
Aufführungsorten, also Höfen, weiter aus; da die
Aufführungspraxis für originalitalienische Opern ohne Unterbrechung
fortbestand, blieb das Publikum an fremdsprachliche Aufführungen
grundsätzlich gewöhnt. Eine Wucherung beliebig fremdsprachlicher
Aufführungen ist jedoch erst in verhältnismäßig
jüngster Zeit eingetreten, verdächtig gleichzeitig mit dem
angesprochenen Pseudomodernismus und zunächst wohl rein
technisch-ökonomisch bedingt: mit der wachsenden Mobilität berühmter
Sänger und der Internationalisierung des Starkults empfahlen sich
Standardfassungen, und da ist die originalsprachliche am streitärmsten.
(Ähnliches gilt für den europaweiten Tonträgermarkt.) Aber der
durch Fremdsprachlichkeit, besonders entlegene Fremdsprachlichkeit nun einmal
unabwendbare Verständlichkeitsverlust - dem durch Laufschrift in Englisch
und der Landessprache entgegengewirkt werden kann, die in der Bastille-Oper
z.B. auch wirklich, sonst jedoch (das Verfahren ist ebenso diskret einsetzbar wie
kostengünstig) bemerkenswert selten und widerwillig eingesetzt wird - wird
sehr gerne und widerstandslos hingenommen, in Wahrheit für die
beschriebenen destruktiven Zwecke entschlossen ausgebeutet. Er kommt der
angestrebten Sinnzerstörung wie ein Himmelsgeschenk entgegen (man
vergesse übrigens nie die Existenz etlicher
autorisierter Librettoübersetzungen, auf deren
Kontrolle manche Komponisten erhebliche Energie verwandten und die dadurch
ungenutzt bleiben). Nur, wie gesagt, wozu die
Sinnzerstörung?
Um nicht des falschen Radikalismus beschuldigt zu werden: auch wenig
verbreitete Sprachen haben zum Zwecke des Lokalkolorits häufig ihren
Sinn. Insbesondere russische Opern, die ihre Stoffe oft der nationalen Geschichte
entnehmen und auch sonst durch und durch »russische Luft atmen«,
etwa diejenigen Mussorgskis und Schostakowitschs, verlieren durch
Übersetzung ebensoviel an Authentizität wie sie an unmittelbarer
Verständlichkeit gewinnen. Anders ist es freilich, wo genau dieses
Lokalkolorit fehlt: deutschen Ohren klingt befremdlich, wenn eine angeblich im
mittelalterlichen Köln angesiedelte Handlung durch den Geburtszufall des
Komponisten russisch dargestellt wird und der Held »Heinrich« daher
immer ein »Genrich« bleiben muß (im »Feurigen
Engel«, dessen Londoner Inszenierung, der technisch völlig
gerechtfertigten Originalsprachlichkeit - wegen der vorwiegend russischen
Darsteller - zum Trotz, zu den allergroßartigsten Realisierungen irgendeiner
gestalteten Phantasie zählt, die jemals eine Bühne zu tragen und ein
Publikum zu erleben das Glück und die Ehre hatte). Ähnliche
Argumente gelten für traditionelle Fremdsprachlichkeiten (aber mir kommt
dennoch »Andrea« statt André
Chénier außerhalb Italiens stets etwas störend vor, auf
französisch wäre mir das konterrevolutionäre Effektwerk, das
die Toleranz jedes echten Freundes der originalen Menschenrechte und daher auch
ihrer Genese und Durchsetzung auf eine so grausame Marterprobe stellt - doch
solch unmusikalische Zusätze will ich fortan unterdrücken -, trotz
allen Italienischkultes und seiner mozartgeheiligten Tradition irgendwie lieber.
Doch dies ist, man verzeihe ihn mir, ein rein subjektiver Einschub ohne ernsten
Argumentwert). Kurzum: es gibt Argumente für und
wider den Einsatz der Originalsprache in der Oper, darunter sehr oft ganz
handfeste und recht zwingende ökonomisch-technische, aber
die kommen gerade nicht, und welches ungarische
Lokalkolorit z.B. der in seinem schiefen angeschnittenen bindehautreizenden
Kubus sowie tadellosen Anzug herumstolzierende Herzog Blaubart (in der vagen
Ortlosigkeit des Märchens allenfalls in der Bretagne lokalisierbar, worauf
Bartóks »Barde« hindeutet - sollte man es mit einer bretonischen oder
walisischen Fassung probieren?) so dringend benötigt, daß die
Übersetzung alle »Feinheiten« der unter den inszenatorischen
Vorschlaghammer geratenen Oper auslöschen würde, das hätte
man gerne einmal an konkreten Beispielen demonstriert. Ökonomische bzw.
technische Argumente (die aus der Mobilität der Sänger erwachsen),
wer muß sich ihnen nicht bald beugen, auch wenn der
vis-haud-ingrata-Verdacht noch nicht ganz ausgeräumt ist, aber die
»Feinheiten« (oder gar das dem optischen Rest so gewalttätig
entzogene Lokalkolorit): das ist
verlogen, und wo gelogen wird, gibt es etwas zu
verbergen ... wir werden noch sehen, was in letzter
Instanz es ist, aber hier ist es zunächst einmal die auch an jeder anderen
Front der Opernpräsentation tobende Aggression gegen den
Sinnzusammenhang, die sich an dieser Stelle mit - sonst so verpöntem -
unauffälligem Traditionalismus oder gar fanatischem Feinsinn tarnen
kann.
An anderer Stelle ist sie weniger tarnbar - außer eben durch das Ideologem
der »Modernität« - und zugleich massiver pseudomodernistischer,
also allmählich zwei Drittel der Aufführungen beherrschender
Standard, nämlich durch den Anachronismus.
»Trag' du als Iphigenie nur / 'ne Armbanduhr, 'ne Armbanduhr« - die
Tucholskysche Pointe ist heute gar nicht mehr spontan verständlich, weil
durch feministische Hetze schief und krumm geworden; denn
obwohl die Original-Iphigenie (d.h. die entsprechende
Gestalt im altgriechischen Umfeld) aufgrund ihres unterdrückten
Geschlechts sich wirkliche Nacktheit noch viel weniger hätte leisten
können als sogar der auf diese Weise einmal in eine recht peinliche Lage
geratene, ebenfalls auf eine unbekannte Insel verschlagene Odysseus, so
hätte ihr diesen eigentlich illusionszerstörenden,
d.h. dem Geist des Originals zuwiderlaufenden,
lästig auf Zeitgenössischkeit und werkfremde Intention hinweisenden
Auftritt eine immerhin respektable etwa fünfhundertjährige
abendländische Imaginations- und Ikonographietradition - man vergleiche den
berühmten Aphorismus Oscar Wildes über Neuzeit, Mittelalter und
Antike - zur knappen Not noch gestattet, aber eben nicht
die Armbanduhr. Diese aber trägt sie bei jedem
pseudomodernen Auftritt geradezu obligatorisch - wehe dem UNFEMINISTEN
und Reaktionär, der daran mehr Anstoß
nähme als wenn sie nackt aufträte! -, doch das tut sie nicht, sie
trägt zu ihrer Armbanduhr ebenso obligatorisch und völlig
unvorhersehbar Abendkleid, BDM-Uniform, Rugby-Anzug oder
Biedermeierkostüm (»Entstehungszeit des Stückes«, nicht
wahr, verdeutlicht mal wieder alles mordsmäßig, oder?).
Der eisern durchgehaltene, gnadenlos zuschlagende, haßvoll
hämmernde Anachronismus also ist das Hauptinstrument zur Destruktion
aller Opern und Versdramen, seine demonstrative Beliebigkeit Gebot, sein
verbissen flächendeckender Einsatz Pflicht. Warum eigentlich? Hier
verlohnt es sich zu verweilen, hier findet sich auch der Schlüssel zum
Mysterium der Pseudomoderne.
Denn die Oper wurde sehr schnell, nach anfänglichen Schwankungen
aufgrund der primären Anlehnung an die Antike im Renaissance-Italien und
deren Ausstrahlungen, der gesellschaftliche Ort der historischen
Phantasie. Echte Märchenopern sind erstaunlich in der
Minderheit, besonders wenn ihre Lokalisierung vage phantastisch wird
(dafür hatte vor allem das vorrevolutionäre Frankreich den
[unhistorischen] Orient), obwohl der aufwendige Bühnenapparat ihnen
eigentlich gute Existenzbedingungen abgäbe (aber außer der
»Zauberflöte« ist mir, Rossini sei Trotz, kein wirkliches
Meisterwerk dieses Genres bekanntgeworden), und auch die antike Mythologie -
der meiner unmaßgeblichen Ansicht nach schwerstverdauliche bis
unangenehme »Idomeneo« beweist es trotzdem, in pseudomoderner
Inszenierung freilich, wie etwa in Dresden bis weit über die
Schmerzschwelle hinaus - hat bemerkenswert geringen Niederschlag gefunden.
(Der »Ring« dagegen ist, schon Wagners extrem freier Umgang mit
den altnordisch-frühmittelalterlichen Vorlagen belegt es, nicht eigentlich
mythologisch, sondern vor allem entschlossen vorchristlich, d.h. auf eine gewisse
historische Epoche verweisend, und das unter den erschwerten Bedingungen
nördlich der Alpen.) Natürlich wird diese historische Phantasie - und
nun fällt auf einmal auf, wie unvorhergesehen exakt doch die Handlung der
Opernmehrheit datierbar und lokalisierbar ist, gemessen an den
bühnentechnischen Möglichkeiten für die weniger historischen
Märchen- und Science-fiction-Motive - je nach der Entstehungszeit der Oper,
d.h. der durchschnittlichen historischen Kenntnis des Publikums, unterschiedlich
exakt ausfallen, und spätere Generationen, die über eine jeweilige
Geschichtsepoche durchschnittlich exaktere Vorstellungen haben, können
über Produkte früherer Zeiten, in denen das andere Ende der Skala
vorherrschte, nur den Kopf schütteln - etwas Unägyptischeres als die
freilich auch aus anderen Gründen kritisierbare »Aida«, mit der
der Meister den freilich auch von anderer Seite schamlos über den
Löffel balbierten Khediven betrog (sowie dessen Volk um die Chance einer
autochthonen Opernproduktion, wer weiß - vgl. die Pietra-dura-Technik in
Agra), ist gar nicht so leicht vorstellbar. Natürlich repräsentieren die
»bösen« »reaktionären« Priester dieser Oper -
die freilich in der Sache ganz im Recht sind, der Autor dieser Zeilen ist nun
einmal kein Verdi-Fan, wie sich nicht verbergen läßt - in gewisser
Weise auch den vatikanischen Widerstand gegen das Risorgimento, aber
müssen sie deshalb unbedingt auch dessen Kostüme tragen? Noch
schützt sie der Trivialcharakter der auf Massenpublikum angesetzten und
als solche empfundenen Konsumoper vor derlei Elend, aber in der bedeutend
ernsteren Tosca muß widersinnigerweise eben das historische Risorgimento
zugunsten des ubiquitären Dritten Reiches oder, seltener natürlich,
südamerikanischer Folterdiktaturen von Uncle Sam's Gnaden daran
glauben, denen nun einmal eben doch der keineswegs unwesentliche, dafür
aber unersetzbare direkte Bezug zur Engelsburg fehlt, womit der hl. Vater in
schöner Postmodernität wieder aus dem Schneider wäre. Tiefer
geschürft und schärfer eingestellt: nicht die Tatsache, daß
Verdis Gegenwart in einer sehr vage bekannten Pseudovergangenheit da und dort
ungenau widergespiegelt wurde, berechtigt uns zu der Manipulation, dieser nun
eben reichlich entstellten, aber vorwiegend aus zeitgenössischer
Unwissenheit heraus entstellten Vergangenheit verdizeitliche Kostüme zu
verpassen - sondern vielmehr sollte uns die Historisierung einer wie auch immer
gearteten Phantasie aus der Zeit der italienischen Staatswerdung (statt der Wahl
eines rezenten Stoffes und Gewandes durch Komponist und
Publikum) eher dazu bewegen, die Darbietung noch
ägyptischer, die verdiimmanenten
Anachronismen noch diskreter zu halten, als das zur Zeit
der Uraufführung akzeptabel war. Denn der Maßstab sollte hierbei
jene dank Carter und ungezählten anderen inzwischen gewachsene
populärhistorische Kenntnis sein, die ein Publikum einen Stoff eben noch
als historisch anderswo situiert empfinden
läßt, so wie Verdis Publikum einschließlich des hierin eher
unwissenden Khediven die Oper gerade noch als
»ägyptisch« erleben ließ, weil seine Kenntnis entsprechend
geringer war.
Wir sehen hier schon ein Stück der eingangs erwähnten Problematik
von der Aussage des Komponisten und der Aussage »der Oper«. Was
die Oper bewirkt, hat ein guter Komponist auf die durchschnittliche
Publikumsreaktion zugeschnitten, was schon mit der Wahl der Sprache (s.o.)
anfängt. Da aber das Publikum sich im Laufe der Zeit selber ändert,
etwa sein historischer Kenntnisstand, empfehlen sich auch Änderungen in
der Darbietung. Auch aus dieser Überlegung leiten sich manche
Scheinrechtfertigungen der Scheinmoderne ab.
Das heißt nun aber: wie jede Kunst ist die Oper eine
gesellschaftliche Veranstaltung, der primäre
Künstler (hier Komponist) entgegen aller seiner Selbsteinschätzung
und auch den gesellschaftlich getragenen Vorstellungen über seine Rolle
und Existenz nur ihr augenfälligstes Bauelement. Existieren - als
Kunst (statt z.B. »Kunst der Irren«)
existieren kann sie nur als gesellschaftlicher Prozeß (oder wenigstens als
dessen Objekt, aber dann sind Präsentation und organisierte Anschauung
der Prozeß). Das bedeutet, daß zu ihrer Existenz - bei der Oper
natürlich am drastischsten - erhebliche gesellschaftlich organisierte
Aufwendungen nötig sind, deren Einsatz oder eben Nichteinsatz von den
herrschenden oder wenigstens mächtigen Kräften abhängt, die
von diesem einen ihnen erwünschten Effekt erwarten und normalerweise
auch erwarten können.
Dieser Effekt oder Sinn war für die aufstrebende und auch für die der
Festigung ihrer Macht noch bedürfende Bourgeoisie, wie schon oben
festgestellt, in erster Linie die Herstellung eines geschützten
Ortes der historischen Phantasie. Selbstverständlich
galt dies auch für ihre der kirchlichen Vormundschaft entstrebenden
absolutistischen oder »tyrannischen« Vorläufer, die
norditalienischen Renaissancefürsten, an deren Höfen die Oper
schließlich entstanden ist, denn deren antikes Programm - ein Nachbau des
antiken Dramas sollte die erste Oper ja auch werden, und da sie es offensichtlich
nicht geworden war, erhielt die neue Gattung ihren Verlegenheitsnamen - sollte ja,
wenngleich meist nur heimlich, an die Existenz einer vorchristlichen Zeit
erinnern, eine Erinnerung, die in den langen Dunkelheiten
christlicher Gehirnwäsche ganz abgestorben und durch ein grob
mythologisches, primitiv »heilsgeschichtliches«, also radikal
ungeschichtliches Schema und Empfinden ersetzt worden war.
Deshalb ist die Kostümierung und Staffage auf
genuin mittelalterlichen Bildern so radikal falsch, so anachronistisch, so
unhistorisch wie in pseudomodernen Operninszenierungen, nur in jener finsteren
Zeit als bewußtloses Resultat der Geschichtszerstörung, heute
intentionelles Mittel derselben, eben der Angriff auf den bislang geschützten
Ort der historischen Phantasie. In der Pseudomoderne kehrt das Mittelalter in allen
seinen abscheulichen Zügen wieder, nur eben industrialisiert und
computerisiert. Und die Pseudomoderne ist eben jener Schatten, den das
heraufdämmernde Neue Mittelalter auf die aus den Ruinen des alten
erstandene Oper wirft.
Denn nichts präpariert besser für die Knechtschaft, nichts
zerstört die Waffen individueller und kollektiver Selbstbehauptung
gründlicher als die Entgeschichtlichung, als der gelungene Angriff auf das
Gedächtnis (und die Geschichtskenntnis oder die sog. »Bildung«
kann man als das kollektive Gedächtnis bezeichnen); nichts gibt den
Unterdrückten und Genasführten bessere Widerstandskräfte
als die Wiedererlangung und/oder Bewahrung der (kollektiven oder individuellen)
Geschichte - die Psychoanalyse weiß manches Lied davon zu singen, deshalb
wird sie auch gehaßt. »Je selbständiger handelt ein Volk, je
freier und off'ner, /Desto gebildeter auch, desto geschichtlicher wird's«
(Platen). Auf die Geschichte - wie etwas entstand - legt der Positivismus sein
erstes Denkverbot, zielend auf die Kausalität; auf die Erinnerung zielt jede
Identitätszerstörung durch individuelle oder kollektive Tyrannei. Wer
geschichtlich denkt und daher auch phantasiert, steht immer, nämlich
durch den Gedanken: »Was wäre gewesen, wenn ...« oder
vielmehr: »Was wäre gewesen, wenn nicht
...« an der Schwelle zur Erkenntnis, daß das, was ist, keineswegs so
zu sein braucht; wer es nicht, noch nicht oder nicht mehr kann, dem ist die
Tür zu ihr zugeschlagen, und er ist zu virtueller oder, je nach den
Umständen, aktueller Knechtschaft und Blindheit verdammt, hilflos und
planlos; sein mögliches Aufbegehren gleicht nicht nur in seiner
Aussichtslosigkeit dem eines Säuglings, und wie dieser erlebt er
mögliche Freiheiten höchstens als quasi-körperlichen Zufall, nie
als Ergebnis erwägender Vereinbarung oder notwendigen Kampfes. So
hätte man seine Sklaven gern, solche Idioten braucht die Neue
Weltordnung! -
Durch den subjektiven Akzent, dem Bestehen auf der Phantasie erhält die
Oper ihre latente bis direkte Sexualisierung, ihren mit ihrer Historizität in
einen Spannungszustand geratenden geheimen Gehalt, und dieser bewahrt sie vor
der Öde des Historismus. Durch ihren erotischen Gehalt zerrt sie immer
wieder an den Ketten der Entfremdung, und manches Stücklein
Identitätsbewahrung schlüpft in ihr auf
unmittelbar wirksame Weise durch den Kordon der
Zensur.
Ließ ich doch Vater, Mutter sein,
ließ ich doch mein Feinsbrüderlein,
ließ ich doch auch den Geliebten,
dir auf deine Burg zu folgen,
Herzog Blaubart!
So lautet nämlich die rätselhafte oben zitierte Opernstelle, zumindest
ihr Anfang, in der autorisierten Übersetzung für deutschsprachiges
Publikum, und mir scheint, daß von den »Feinheiten« des
Märchentons nicht allzuviel verlorengegangen sein dürfte, sogar die
sprachlichen Akzente stimmen. Die Flucht vor der sexuellen Entfremdung, vor
Familie und Ehe, der Kampf um sexuelle Authentizität und gegen sexuelle
Anpassung und Beschmutzung rechtfertigt jederzeit auch den Tod, so die wirkliche
Botschaft der Oper, nicht anders als diejenige des dem übersetzten Vers
gleich strukturierten »Fliegenden Holländers« etwa und anderer
chiffrierter Manifeste zur Absage an die Banalität. Im Falle der
Unverständlichkeit kann ihre Botschaft nicht durchdringen; ohne
historische Verkleidung dagegen wird sie leicht zu schnell erkannt und
»rechtzeitig« abgewehrt.
Und natürlich auch ohne Distanz zur verborgenen Aussage selbst, nicht
anders als wenn man zum Witz oder vor dem Witz die Pointe breittritt. Sicher
darf, wegen des von ihm repräsentierten verdrängten erotischen
Magnetismus, Herzog Blaubart kein alternder Beamter mit Krawatte sein (die
ihm hinterher bei der Erwürgung Judiths so praktisch zur Hand ist), aber
er darf auch nicht der (im konkreten Leipziger Fall auch abstoßend
aussehende) männliche Teil eines Punkerpärchens sein, das sich
unmotiviert in einem Riesenbett herumwälzt. Und so sehr Wagners Parsifal
am Ende der Oper ihrem heimlichen Gehalt nach in die (zielgehemmte)
Homosexualität flüchtet, weswegen Kundry auch keineswegs munter
in die Gralsburg spazieren und in deren Ritualkämmerchen Ordnung
schaffen darf (Bayreuth), sondern aus gutem Grund zuvor vom Schlag getroffen
wird, so wenig dürfen die Gralsritter erkennbare Tunten in schulterfreien
Abendkleidern sein (Amsterdam), was der »Ruhmmaschine« (= Presse)
durchaus keinen vertretbaren Anlaß liefert, die zugehörigen
Regisseure zu lobpreisen.
Aber sie tut es, denn sie ist ja das Organ jener inzwischen alleine herrschenden
Kräfte, die nach dem langen Monopolyspiel des Konkurrenzkapitalismus
jetzt endlich am monopolisierten Ende angelangt sind und keine Kunden, sondern
nur noch Knechte brauchen. Für das gemeine Volk haben sie dank Hitler
und seinen weniger auffälligen Fortsetzern ihr Werk schon geleistet, das
Volk ist ausreichend willen- und geschichtslos geworden, so brav war es wirklich
noch nie; allein in den etwas bessergestellten, weil ein bißchen besitzenden
und gebildeten, zwar unsäglich feigen und absterbenden, aber eben
fortbestehenden Kreisen, eben jenen, aus denen das Opernpublikum
kommt, lebt die Möglichkeit zu historischer Phantasie, zu
gestalteter Phantasie wenigstens virtuell noch fort, und deshalb muß sie im
Bombenhagel der pseudomodernen Inszenierungen beharrlich plattgewalzt
werden.
Das ist das Geheimnis der sogenannten »modernen«
Operninszenierungen. Gewiß, die Oper ist kein bedeutender, gar hochrangig
geschichtsbildender Faktor (wie etwa die Schule oder die Justiz), aber einen
gewissen Teil der gesellschaftlichen Energie bindet sie doch, wie man am Anteil
der diesbezüglichen Berichterstattung oder Propaganda in der Presse
abschätzen kann (gemäß des relativen Gewichts ihres
Publikums), und die lückenlose nachbürgerliche Herrschaft duldet
kein geschütztes Plätzchen. Wahrhaftig, ihr Beter des
Totalitarismusmantras: sie läßt nichts aus.
. — .
Und deshalb erscheinen ab jetzt in dieser Zeitschrift fragmentarisch-tabellarische
Inszenierungshinweise bewußt lapidarer Natur.
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Fußnote:
1) Das beliebte Traditionsstichwort lautet
in diesem Zusammenhang »Bürger« - denn die bürgerliche
Gesellschaftsordnung stand damals, zu Beginn dieses bzw. am Ende des letzten
Jahrhunderts, ebenso auf ihrem Höhepunkt wie ihre Kritik.
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