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Leseprobe aus Ketzerbriefe Nr. 145

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Stunk in Tibet

Zur chinesischen Übersetzung




von Fritz Erik Hoevels

Seit die gegenwärtigen Unruhen in Tibet pünktlich im Vorfeld der Olympiade eingesetzt haben, wissen wir, warum diese vom sogenannten Internationalen Komitee ausgerechnet an Peking vergeben worden war:
Aus dem gleichen Grund wie 1980 an Moskau. Damals bestand die Sowjetunion noch, krank und schlapp und nicht besonders schlimm im Innern, wenn Dissidenz anstand – seien Sie mal Scientologe im Land der »garantierten« Religionsfreiheit, dann haben sie den Maßstab! –, aber immerhin ein alternatives Wirtschaftssystem mitschleppend, das eigentlich mehr wegen miserabler Handhabung von innen, grob überproportionaler militärischer Belastung von außen so unattraktiv wirkte, aber erstens fremden Gewinnen auf russische Kosten im Wege stand, zweitens aber, wenn auch im tiefsten Teil des historischen Tiefkühlfaches gelagert, eine prinzipielle Alternative zum »kapitalistischen« (inzwischen monopolistisch transformierten) Wirtschaftssystem darstellte, wenn dieses die Ernte der Früchte seiner »Entwicklungshilfe« in Gestalt ungebremsten und qualifizierten Lohndrückerimports nicht mehr ewig herausschieben und dadurch durch Erosion und Ende des von Anfang an labilen »Sozialstaats« an Attraktivität verlieren sollte. Deshalb – und weil die Idioten von Ostblockis sowieso immer so wild auf Sport sind, obwohl im Gegensatz zu ihren natürlichen Feinden doch nur die Anstrengung des Geistes ihnen hätte nützlich sein können, allerdings mit unvermeidlichen antistalinistisch-antisozialdemokratischen Nebenwirkungen – wurde Moskau »überraschenderweise« zum Olympiaort gekürt, und die besagten Idioten bissen voll in den Köder, der ihnen so viel bedeutete, nämlich »Normalisierung« und so, außerdem den heißgeliebten, weil beim Denken störenden Sport (das hatten sie mit ihrem Hauptgegner, »muscular Christians« [Arno Schmidt], gemeinsam, aber bei denen war das funktional) in den Mittelpunkt rückte, also die Illusion der »friedlichen Koexistenz«, welche die stärkere und daher angreifende Seite niemals einhält. Kaum aber hatte das russische Schneewittchen seinen olympisch vergifteten Apfel gefressen und viel Geld in ihn investiert, da begann seine US-Stiefmutter mit ihrem geplanten Stunk: die bösen Russen würden die armen Vorläufer der niedlichen Taliban so grausam unterdrücken, bloß weil diese serienmäßig Regierungsvertreter ermordeten, die Mädchen des Landes systematisch am Schulbesuch hinderten und viele Opfer für das Recht des Mannes auf Verprügelung seiner Frau, des Sohnes auf Bevormundung seiner verwitweten Mutter und der ganzen Familie auf wunderbar völkische Ehrenmorde brachten, für welche fuderweise Fairständnis statt Bestrafung aufzubringen sei, wie wir gelernt haben. Freilich hat der Taliban-Mohr seine antisowjetische Schuldigkeit inzwischen getan und ist zum bösesten aller Monster mutiert, soll nicht einmal mehr richtig islamisch sein, was Koranleser sehr befremden sollte, und zur Aufhetzung der Uiguren kann man einige seiner Ableger auch noch brauchen, aber wer auch nur die James-Bond-Filme der Zeit gesehen hat – einfach nochmal den einschlägigen darunter angucken! –, weiß, daß das damals hyperhochedle »Freiheitskämpfer« waren, wie die tibetanischen Mönche und deren Sympathisanten unserer Tage auch, und ihre schwer versteckbare grob finstere Misogynie mit allen Mitteln niedergeschwatzt und wegsuggeriert werden mußte, von ihren sonstigen unangenehm mittelalterlichen Eigenschaften, denen im Imperium (»military agency«) Uncle Sam’s ohnehin nichts Kraftvolles mehr entgegenstand, ganz zu schweigen. Und so traf eine geballte Ladung Spucke aus Uncle Sam’s Reserven die Moskauer olympische Suppe, nach der sich doch schon die ganzen tumben Ostblockis normalisierungsgeil das Idiotenmaul leckten. Nun konnte sie ihnen, kläglich und verkümmert und ihrer Westwürste beraubt, nicht mehr munden, sondern diente nur noch ihrer Verhöhnung.
Diese Lektion hätte die chinesische Regierung eigentlich lernen können; doch so schlau oder wenigstens verständig kann ein Ostblocki niemals sein. Auch nach einer Präzedenz schwingt er sich zu der Weisheit »Timeo Danaos et dona ferentes« niemals auf, so wenig wie ein Fisch von anderen Fischen lernt, daß man trotz Hunger Würmer meiden sollte, wenn sie an gekrümmten Metalldrähten hängen.
Also wurde die diesmalige Olympiade vor einigen Jahren an Peking vergeben, es freute sich wie zehn Schneekönige, und unmittelbar danach dürften die Vorbereitungen für die gegenwärtigen tibetanischen Demonstrationen eingesetzt haben. Natürlich war der Dalai Lama entscheidender und interessierter Mittelsmann, weil die Kader der Demonstrationen seine Mönche sind, aber nur Kinder und sehr brave chinesische Zeitungsleser glauben an seinen Alleingang. Er ist viel zu unfehlbar, um irgendetwas unabhängig von seinen US-Schutzherren zu unternehmen, und nur in diesem weltlich unvermeidlichen Rahmen folgt er seinen Sonderinteressen, dieses gewiß nicht weniger unfehlbar.
Wenn unsere Zeitungen heuchlerisch beklagen, der Dalai Lama habe zwecks Erlangung eines Kosovo-Status für sein Land (die tibetische »Unabhängigkeit«) doch schon längst einen deutlichen Gewaltverzicht ausgesprochen, die chinesische Regierung, welche eben jenen als Vorbedingung aller Verhandlungen von ihm verlange, handle also unaufrichtig bis unlogisch, dröhnen bloß Verdrehungen und Propaganda heraus. Denn was die chinesische Regierung mit »Gewalt« meint, sind genau jene laufenden Demonstrationen, die auch hierzulande und in den hyperhochedlen USA die Polizei herausfordern würden, obwohl deren Land gegen einen übermächtigen Angreifer keineswegs mit dem Rücken zur Wand steht. Seit die USA durch die leichte Eroberung Afghanistans sowie via Tadschikistan über einen Infiltrationskorridor nach Nordwestchina verfügen, sind in unserer und laut unserer Presse übrigens auch die dortigen Uiguren »unterdrückt«, was sie zuvor in und laut der gleichen Presse keineswegs waren. Tatsächlich war ich selbst, der das Gebiet öfters besucht hat, ziemlich überrascht über die rebellischen Töne, welche die örtlichen islamischen Bewohner seither gegen die Chinesen anschlagen, welche zuvor von ihnen unter exakt gleichen Gesprächsbedingungen nie zu hören waren und die Regierung ihr Verhalten gegen sie nie geändert hat; sie werden ansonsten von ihr nicht stärker unterdrückt als etwa die Elsässer und Bretonen von den Franzosen, vielleicht etwas weniger als die Basken von den Spaniern und etwas mehr als die Lappen von den Norwegern. Aber jeder Staat außer den USA soll handlich klein sein, nur das ist der »casus knaxus«.
Selbst der STERN war seinerzeit – etwa ein Lustrum vor der Vernichtung der Sowjetunion – klug genug in einem seiner Leitartikel, daß auch ein Übergang derselbigen zum kapitalistischen System die Feindschaft zwischen ihr und den USA (richtig ist natürlich: der starken und daher gefräßigen USA gegen die Sowjetunion und alle schwächeren, noch nicht gefressenen Staaten) nicht aus der Welt schaffen würde, da ja der Interessengegensatz zwischen den »Großmächten« bestehenbliebe. Hätte der HErr nur die Ostblockis mit vergleichbarer Weisheit wie den STERN und dessen Klone gesegnet! Denn hätte der STERN, der hier zwecks Vertrauenserhalt bei den klügeren seiner Leser auch einmal eine Wahrheit statt einer Propaganda ausstreute (das tut er aus besagtem Grund tatsächlich jedes etwa hundertfünfzigste Mal, z.B. mit seiner völlig richtigen Erklärung für kleine Dummerchen, so sein Ton, nach dem letzten Börsenkrach, was eine Aktie eigentlich ist und wie sie funktioniert), damit unrecht gehabt, dann wäre überhaupt nicht zu erklären, warum Monarchen an der Spitze haargenau gleicher Feudalsysteme oder Absolutismen so hartnäckig und jahrhundertelang gegeneinander Krieg führten; auch der Krieg zwischen Hitler und Churchill bliebe unerklärlich. Richtig ist nur, daß Monarchen ihre Interessengegensätze untereinander auch einmal zurückstellen können (aber nicht müssen), wenn ein Staat, z.B. das Frankreich der vom Papst mit promptem Zetern verdammten Menschenrechte, das Feudalsystem als solches abschafft; aber selbst, wenn es dieses restauriert, hält der Frieden höchstens, wenn ein weiterer Staat (oder gar mehrere) in besagter besonders schlimmer Weise aus der Reihe tanzt.
Nun, sogar gegen Imperialismus haben Imperialisten gar nichts, vorausgesetzt, es ist ihrer und nicht derjenige ihrer Nachbarn. Das erklärt ebenso einfach wie erschöpfend die beiden »Weltkriege«. Aber selbst Kapitalismus, dessen Profite in seinem Land bleiben, gefällt nicht anderen Kapitalisten, die sie gerne selber hätten, bzw. den in ihrem Sinne regierten Ländern. Derart einfache Dinge begreifen Ostblockis nie. Daher auch nicht die chinesische Regierung. Mit der Aufgabe überkapitalistischer Ziele glaubte sie, Mitglied im Club geworden zu sein, ähnlich wie die Russen, aber der Club ist nur solange notwendig, wie er (bzw. jede »Heilige Allianz«) Konkurrenz oder gar Zunder von außen erhält, und da das nicht mehr der Fall ist, streitet jetzt einfach sein stärkstes »Mitglied« gegen den Rest um das Monopol. England »und« die EU sind gleichgeschaltet, die Befehlsstruktur wasserdicht durchgesetzt; Rußland und China klemmen dabei noch, und darum bleiben sie in der global US-gleichgeschalteten Presse trotz Abkehr von jedem »Kommunismus« die Bösen.
Ob sie sich das in ererbter Ostblockdämlichkeit nun hätten träumen lassen oder nicht: jedenfalls müssen sie zerhackt werden. Die Ukraïne hat, auf Kosten unserer dortige Tibet-Analogien finanzierender Steuern, Uncle Sam inzwischen verzehrt; Weißrußland ist etwas schwerer zu knacken, da sich dort kein Papst einsetzen läßt (bzw. Dalai Lama). Das ist überhaupt der zentrale Grund für die gegenwärtig so tatkräftig vorangebrachte Endlösung der Orthodoxenfrage; in Tibet nimmt der Dalai Lama die ökologische Nische des römischen Papstes ein. (Der »echte« Papst ist übrigens der alexandrinische, da historisch länger nachweisbar, gegenwärtig Schenute III., aber durch Anhängermangel politisch weitgehend unbrauchbar.) Aber zurück zu Tibet: eine parapolnische Struktur besteht dort, man kann sie nutzen, und sie wird genutzt.
(Zwischenspiel für Begriffsstutzige: mit »Gewalt« meint die chinesische Regierung natürlich Demonstrationen, die nicht völlig gewaltlos ablaufen können und die Olympiade platzen lassen sollen, indem sie der US-Vasallenschaft Stichworte liefern, unsere Presse dagegen irgendetwas Unverbindliches im Himmel, z.B. den Krieg einer nichtexistenten Dalai-Lama-Armee gegen China, auf welche ihr virtueller Führer gern und pathetisch verzichtet, da es sie ja nicht gibt, während die Demonstrationen, die die chinesische Regierung aufgrund ihrer künstlichen ausländischen Resonanzböden an die Wand drücken sollen, gegen den Willen des Dalai Lamas keine zwei Stunden lang ungespalten, d.h. wirksam, fortgehen könnten.)
Nun verfolgt der Dalai Lama wie jeder Religionsführer eigene Interessen, und das kann man ihm vernünftigerweise nicht verübeln – regieren ist immer schöner als regiert werden, und wäre es auch an der Leine Uncle Sam’s. Außerdem wirkt er persönlich aufgeklärter und sympathischer als der Papst und ist es wahrscheinlich auch; die Jagdstrecke seiner Religion ist dank fehlender bürgerlicher Opposition im Innern auch viel kürzer als diejenige der katholischen Konkurrenz, außer ein paar Verstümmelungen, Verhungerungen dogmatischer Abweichler in dafür angelegten Spezialzellen sowie Auspeitschungen u.ä. war jahrhundertelang fast nichts drin. Ich bin weit davon entfernt, von den vielen Lamaïsmus- Entlarvungen eines Sauertopfes wie Colin Goldner begeistert zu sein, er scheint mir hauptsächlich den lamaïstischen Klerus um sein lebenserleichterndes Zölibat zu beneiden, aber es ist doch verdienstvoll von ihm, allen Greuelnachrichten über gefolterte oder sonstwie grob ungerecht behandelte tibetische Mönche und Laien nachgegangen zu sein mit dem für einen Pro-Amerikaner doch recht unerwarteten Fazit: an allem ist nichts dran. Vielmehr waren einige »Opfer«, die für immerhin mehrfachen Mord an chinesischen Soldaten nur ein paar Jahre Arbeitslager ertragen mußten, doch ganz schön rabiat gewesen, und die hyperhochedlen Amerikaner hätten sie mutmaßlich eher vergast oder auf den elektrischen Stuhl gesetzt, statt nach einer Weile Strafverbüßung freigelassen, falls sie sich derlei Späße z.B. zugunsten eines hypothetischen »Freien Texas« hätten einfallen lassen. Aber das ungleiche Maß ist ja wohl der unverzichtbarste Boden der fdGO.
Nun ist der Dalai Lama freilich noch aus einem anderen Grunde sympathisch, weswegen man ihm gerne heimlich seinen Kirchenstaat gönnt: er ist nicht nur farbig und putzig, sondern auch eine Konkurrenz des Papstes ohne nennenswerte eigene Ansteckungsgefahr. (Kein Geringerer als Antonin Artaud ist diesem Reiz erlegen, und wer mag nicht David-Néel und Harrer? So herzlos kann ich nicht einmal selber sein.)
Aber im globalen Spiel bedeutet eine Zerhackung Chinas (seit Chienlung gehört Tibet dazu, ob zu Recht oder zu Unrecht, ähnlich wie Wales zum »United Kingdom« – das Intermezzo der durch die Revolutionswirren kurzfristig ermöglichten bzw. beanspruchten »Unabhängigkeit«, von der so viel Wind gemacht wird, war eine kurze kolonialistische Posse), der sehr schnell ein islamisch abgespaltenes Nordwestchina folgen würde, die Zerstörung unseres letzten Schutzes gegen globalen US-Totalitarismus. Ein chinesisches (oder russisches) Guantánamo gibt es jedenfalls nicht: soll uns ein putziges, weil nicht katholisches Tibet die Zerstörung dieses letzten Bollwerks der weltweiten Nicht-Gleichschaltung wirklich wert sein? Also, Romantiker aller Länder: aufgepaßt!


Fritz Erik Hoevels

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