Zensur-Anschlag auf die »Ketzerbriefe«!

Am 30.03.2010 erreichte uns per Einschreiben mit Rückschein eine Zensur-Drohung der »Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien« in Bonn. Der Stein des Anstoßes: Die Nr. 157/158 unserer Zeitschrift Ketzerbriefe, die »das schändliche Unrecht an Roman Polanski« thematisiert, über den neuesten Stand der äußerst erfolgreichen Solidaritätskampagne mit dem scheußlich mißhandelten und erpreßten Regisseur informiert, seine Verfolgung in Zusammenhang mit dem seit Jahren medial geschürten Kinderschänderwahn stellt und vor allem zahlreiche Leserzuschriften enthält, in denen offen über eigene sexuelle Erfahrungen als Kind und Jugendlicher und die Reaktionen der Erwachsenen darauf sowie über aktuelle Beobachtungen, die europaweit einheitlich auf US-Befehl durchgepeitschte Verschärfung des Sexualstrafrechts betreffend, berichtet wird.


Angstfrei und offen Fragen der Sexualität erörtern? Das darf nicht sein!

So befanden jedenfalls einige Zwerg-InquisitorInnen der traditionell sozialdemokratisch regierten Stadt Bremerhaven, die den Antrag stellten, die besagte Nummer der Ketzerbriefe in die »Liste der jugendgefährdenden Medien« aufzunehmen. Dieser Antrag war an die Vorsitzende der »Bundesprüfstelle«, Frau Monssen-Engberding, gerichtet, die uns die ungewöhnlich knappe Frist von einer Woche setzte wohlgemerkt: kurz vor den Osterfeiertagen! , um »Einwendungen« gegen das geplante Zensur-Verfahren vorzubringen.

Die Adenauerei marschiert aber diesmal europaweit!

Lesen Sie den Antrag der ZensorInnen sorgfältig und lassen Sie sich den von Fehlern strotzenden, verquasten Text, die mit orthographischen und logischen Fehlern verseuchte Syntax auf der Hirnhaut zergehen. Uns erinnerte der Stil an Sprenger und Institoris, die Dominikanerpfaffen und Verfasser des berüchtigten »Hexenhammers«, die zwar ebenfalls hundsmiserabel schrieben, dafür aber für die Ermordung Hunderttausender Menschen verantwortlich waren. Unlogik, sprachliche Unreinheit und Gewalt vom Index librorum prohibitorum bis zur Existenzvernichtung oder zum Scheiterhaufen bilden für Leute diesen Schlages eine Art heilige Dreifaltigkeit.
     Dies die Ankündigung des Verfahrens gegen uns, kurz und knapp, wie es sich gehört, eine territio verbalis (für Kenner) in klassischer Inquisitionsmanier:




Und hier der dumpfbäckige Antrag der nordischen Dunkelmänner und -frauen (schon das Aktenzeichen klingt schön mittelalterlich: »51/94Ketz«; wie das wohl im Spätmittelalter war? "»Verfahren gegen Gretl Tennenberg wegen Zauberei und Teufelsbuhlschaft, Az 49.651/16 Hex« vielleicht?); die Randkorrekturen und Bemerkungen stammen von uns:




Und hier unsere Antwort:

An die
Bundesprüfstelle für
jugendgefährdende Medien
Postfach 140165
53056 Bonn

Freiburg, den 30.03.10


Betrifft: Pr. 389/10


Sehr geehrte Frau Monssen-Engberding,

um das Rechtsverständnis der Antragstellerin Hild (Amt für Jugend und Familie Bremerhaven) scheint es so erbärmlich bestellt zu sein wie um ihre Grammatik- und Orthographiekenntnisse. Bei den von ihr beanstandeten Stellen handelt es sich
a.) um autobiographische Texte, d.h. Erinnerungen von verschiedenen Einzelpersonen,
b.) um historische Ereignisse und deren Wertung.

Beide Male handelt es sich also um objektiv überprüfbare Vorgänge wie die Hexenbrände der Kirche oder Adenauers Kuppeleiparagraphen, die man gut oder schlecht finden und unter denen man leiden oder über die man sich freuen kann, je nachdem, ob man ein moralischer Bandwurm oder ein freiheitsliebendes Subjekt ist. An den Fakten und vor allem an den damit verknüpften Empfindungen vermag kein mit Steuergeldern bestallter Paragraphenreiter (oder sein weibliches Pendant, selbst mit vielsagendem Doppelnamen) auch nur ein Jota zu ändern.

Bevor das »vereinfachte Verfahren« whatever it is oder ein komplizierteres eröffnet wird, beantragen wir, den Antragsteller zu verpflichten, binnen einer Woche folgende drei Punkte seines Antrags zu präzisieren (die ja als Popanze für die Zensur reden wir doch Klartext! vorgeschoben werden):
1.) Worin besteht die »Normalität im Umgang zwischen jungen Menschen und Erwachsenen«?
2.) Worin bestehen »die Grenzen des Selbstbestimmungrechtes (sic) der Kinder und Jungendlichen (sic)«?
3.) Worin bestehen die »Möglichkeiten« der »Kinder und Jungendlichen (sic)«, »sich gegenüber sexuellen Übergriffen zu wehren« (zumal wenn die Übergriffe von Erziehungsberechtigten respektive staatlichen und kirchlichen Repräsentanten ausgehen)?

Bis dahin lautet unsere hauptsächliche Einwendung gegen das Verfahren:

»Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.«
(GG Art. 5 Abs. 1)

(Nota bene: für Art. 5 Abs. 2 GG, welcher eine Einschränkung von Art. 5 Abs. 1 u.a. für den »Schutz der Jugend« darstellt, ist die Antragstellerin nachweispflichtig. Siehe die obigen Punkte 1 3.)

Was die restlichen unlogischen, sich in sprachlichen Unreinheiten niederschlagenden Delirien der Antragstellerin angeht, siehe das in Kopie beigefügte Originalschreiben mit unseren Randbemerkungen.

i.A.
Müller


Das angedrohte »vereinfachte Verfahren« besteht soweit wir dies überblicken darin, daß drei StaatsdienerInnen knalledemokratisch im stillen Kämmerlein und das, wie wir erfahren haben, im Fließbandverfahren den Zensurbeschluß fällen (gegen den dann rechtliche Schritte eingeleitet werden müssen: kostet alles Zeit und Geld!!!). Die Aufnahme der beanstandeten Ketzerbrief-Ausgabe in die Zensurliste bedeutet, daß sie nirgendwo ausgestellt und angeboten werden darf, wo sich Kinder und Jugendliche aufhalten, also Buchhandlungen, Büchereien, usw., und daß diese Nummer nicht beworben und vertrieben werden darf. Da wird (wieder) die eherne Tatsache der kindlichen Sexualität geleugnet, als gäbe es keine Augen im Kopf und als hätte Sigmund Freud seine »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« nie veröffentlicht (nämlich 1905: da troff der Geifer ähnlich, aber Vernunft und Logik waren mangels Glotze noch nicht zugemüllt wie heute).

Die Absicht liegt auf der Hand:

Niemand soll eigene Gedanken fassen und eigene Empfindungen wahrnehmen können daher die Zensur!

Angst, Verklemmtheit, Denunziation und Neidhammelei statt geistiger Frische, Intelligenz, Erinnerungsfähigkeit und schlagt Euer Kreuz! unbeschwerter, angstfreier Sexualität deshalb die Zensur!

Wie immer gilt:

WEHRET DEN ANFÄNGEN!

Noch ein Nachsatz für Erinnerungswillige: Mit dem gegen uns eingeleiteten Verfahren als eine unter vielen stinkenden Früchten der europaweiten Verschärfung des Sexualstrafrechts (vgl. Ketzerbriefe 142 vom November 2007 nie waren sie so wertvoll wie heute!) ist die Saat der elenden Schwarzerei, der feministischen Pest aufgegangen. Was mit dem Geschrei gegen die Pille und der »PorNo«-Kampagne begann seinerzeit wurde gegen den Marquis de Sade, Henry Miller und auch schon gegen Vladimir Nabokov und viele, viele andere gegiftet und gekrischen endet jetzt mit der Kriminalisierung aller heranwachsenden Generationen: Jetzt landet ein 18jähriger im Knast, wenn er mit einer 17jährigen sexuell verkehrt, die vom Gesetz zum »Kind« umdefiniert wird (selbstverständlich funktioniert das Ganze auch umgekehrt: Gleichheit im Unrecht!, während wir Gleichheit statt Feminismus fordern). Das habt Ihr Schwarzer, dem Gepfaff von Hitler-Konkordats Gnaden und den Kartellparteien zu verdanken, vergeßt das nie!


Als letztes ein kleines Schmankerl zum Thema: der neueste Eintrag in unserer Ahriman Volksenzyklopädie (AVEnz) - Sexismus








AHRIMAN-Verlag GmbH
Postfach 6569, D-79041 Freiburg
Stübeweg 60, D-79108 Freiburg
Telefon +49-(0)761-502303
Telefax +49-(0)761-502247
Impressum
AGBs